Sonntag, 14. Februar 2010

Im Gespräch mit Ephraim Kishon - Teil 4

Walter-Jörg Langbein
4. und letzter Teil


Mein ausführliches Interview habe ich mit einem Diktiergerät im Hotelzimmer des großen Satirikers Ephraim Kishon in Frankfurt aufgezeichnet und dann Wort für Wort zu Papier gebracht. Das wortgetreue Manuskript legte ich Ephraim Kishon vor: Vor rund 25 Jahren sandte ich es ihm nicht etwa per E-Mail, sondern nach alter Väter Sitte per Briefpost an seine Schweizer Adresse in Zürich. Ephraim Kishon antwortete mir umgehend, wiederum per Brief:

»Lieber Walter-Jörg! Vielen Dank für das eingeschickte Manuskript. Ich habe einige Änderungen angebracht, aber viel wichtiger ist es, dass Sie dieses Interview sprachlich umschreiben sollen. Deutsch ist, wie Sie wissen, nicht meine Muttersprache.... Bitte verleihen Sie dem Schriftstück den notwendigen Stil eines Schriftstellers.«

Die von mir leicht überarbeitete Fassung des Interviews sagte Ephraim Kishon dann zu. Am 22.3.1985 schrieb er mir:

»Lieber Walter-Jörg Vielen Dank für Ihren Brief vom 17.3.1985 und das ausgezeichnete Interview, sowie den übergeschnappten Leserbrief.
Ich danke Ihnen herzlichst für die schöne Sprache, die Sie mir in den Mund gelegt haben. Es ist auch eines der seltenen Interviews, in dem meine Meinung korrekt und interessant wiedergegeben worden ist.

Ich bin sehr zufrieden damit, dass meine Menschenkenntnis mich nicht getäuscht hat. Sie sind wirklich meines Vertrauens würdig, das Sie von der ersten Minute an genossen haben. Wenn Sie in Zukunft noch etwas Ähnliches mit mir machen möchten, finden Sie immer offene Türen.
Inzwischen meine besten Grüße.
Ihr
Ephraim Kishon.«

Zu einem zweiten, ähnlich ausführlichen Interview ist es leider nicht mehr gekommen. Aber wir begegneten uns über Jahre immer wieder am Rande der Frankfurter Buchmesse. Manches Gespräch haben wir geführt. Manches Mal haben wir auch schweigend und schmunzelnd den Messetrubel beobachtet. Ein Erlebnis ist mir besonders gut erinnerlich.... Ephraim Kishon hätte es gewiss weit besser beschreiben können.

Schimpfend näherte sich ein Fernsehteam, bestehend aus Kameramann, Tontechniker und einem wortgewandten Interviewer. Ein Scheinwerfer wurde mit viel Geschick aufgehängt. Eine Kamera wurde sorgfältig in Position gebracht. »Musste das denn heute auch noch sein?« schimpfte einer der Fernsehleute. »Da denkt man, man hat Feierabend... und dann heißt es, schnell, schnell der Lange kommt. Und schon muss man springen und machen!« Dem lautstarken Gespräch der Fernsehleute war zu entnehmen, dass sie auf Helmut Kohl, den damaligen Bundeskanzler, warteten. Die zusätzliche Arbeit verrichteten die Männer allem Anschein nach höchst ungern. Und sie sparten nicht mit Kraftausdrücken, um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.

Plötzlich war es soweit. Ein Menschenknäuel waberte förmlich heran. Ängstliche Buchhändler wichen aus. Verlagsangestellte suchten Schutz hinter Büchertischen. Finster und bedeutsam zugleich dreinblickende Herren in Anzügen waren sofort als Sicherheitsleute zu erkennen. Ihre Jacketts waren seltsam ausgebeult. Die Sicherheitsprofis sondierten das nähere und weitere Umfeld. Ihre Augen müssen so scharf wie die berüchtigten Nacktscanner gewesen sein. Die Herren nickten sich schließlich zuversichtlich zu. Aus der Mitte dieses »Gruppenwesens«, das sich wie eine aus unzähligen Leibern bestehende größere Einheit durch das dichte Gewühl des Messegeländes bewegte, löste sich endlich eine hohe Gestalt. Sie überragte alle anderen um mindestens eine Haupteslänge.

Und just jene Herren, die eben noch aus tiefstem Herzen über den Kanzler geschimpft und derbe Ausdrücke für ihn gefunden hatten, verwandelten sich urplötzlich um Musterbeispiele übertriebener Höflichkeit: »Wenn der Herr Bundeskanzler sich für einen kurzen Moment hierher bemühen wollen...« Helmut Kohl erspähte Ephraim Kishon. »Einen wunderschönen Tag, Herr Kishon!« strahlte er und schüttelte Ephraim Kishon die Hand. »Und wie heißen Sie?« fragte mich der Kanzler. »Und wo sind Sie gebürtig?«

Während Helmut Kohl nun auch mir die Hand drückte antwortete ich: »Walter Langbein. Aus Michelau bei Lichtenfels....« Der Kanzler nickte freundlich. »Ein Franke!« Und schon wanderte die hohe Gestalt, umringt vom wabernden Tross, weiter. Mürrisch wurden Scheinwerfer und Kamera abgebaut. Und jener Herr, der eben noch so überhöflich dem Kanzler gegenüber aufgetreten war, verwandelte sich wieder in einen schimpfenden mürrischen Mitarbeiter eines Fernsehsenders, der kein gutes Haar an Helmut Kohl lassen wollte.

»Sind Sie ein guter Beobachter, Herr Kishon?« habe ich einmal den großen Satiriker gefragt. Ephraim Kishon antwortete: »Um ein halbwegs brauchbarer Satiriker zu sein, muss man gut beobachten können. Und wenn man gut beobachten kann, muss man Satiriker sein. Sonst wäre die Realität oft nicht zu ertragen.«

Ephraim Kishon, eigentlich Ferenc Hoffmann, wurde 1944 in das Arbeitslager Jolsva, Slowakei, verschleppt. 1945 konnte er aus einem Gefangenentransport nach Polen fliehen. So entging er knapp dem sicheren Tod. Ephraim Kishon lebte einige Zeit in Ungarn. Die Lebensverhältnisse unter der kommunistischen Regierung veranlassten ihn, 1949 mit einem Flüchtlingsschiff nach Israel auszuwandern. Bei der Einreise wurde er nach seinem Namen gefragt. »Ferenc Kishont.« Der Beamte schüttelte unwirsch den Kopf. »Ferenc.. gibt es nicht!« und trug Ephraim als Vornamen in Formular ein. Und aus Kishont wurde Kishon.

Ich fragte Ephraim Kishon: »Wie stehen Sie zu Ihrem Vornamen Ephraim?
Ephraim Kishon antwortete: »Was meinen Vornamen betrifft, habe ich schon so viele gehabt, dass es mir schwer fällt, Stellung zu nehmen. Mein letzter Vorname Ephraim gefällt mir am besten, weil er sich mit ›Jeruschaljim‹ reimt. Übrigens habe ich diesen Namen von einem kleinen Hafenbeamten bekommen, als ich 1949 nach Israel kam.

Wenn ich selbst meinen Vornamen wählen könnte, würde ich wahrscheinlich Frederico Garcia von Lorca übernehmen.«

Ich fragte Ephraim Kishon per Brief: »Was halten Sie von der Lehre von der Wiedergeburt?«
Ephraim Kishon antwortete schriftlich:
»Was meine Reinkarnation betrifft, bin ich in derselben Ignoranz wie alle Wissenschaftler, Parapsychologen, der Papst und der Oberrabbiner.
Ich weiß über das Universum nichts und kann mir nicht vorstellen, welchem Zweck es dient, wenn ich als Pinguin oder als Schublade neu geboren werde. Aber theoretisch möchte ich ganz genau als Ephraim Kishon wiedergeboren werden, zur selben Zeit, am selben Ort, unter der einzigen Bedingung, dass Adolf Hitler nicht wiedergeboren wird.«

Im Frühsommer 1986 bat ich Ephraim Kishon um eine Stellungnahme zur Atomenergie. Seine Antwort vom 10. Juni 1986 erweist sich heute, fast ein Vierteljahrhundert später, als geradezu höchst aktuell und brisant.

Ephraim Kishon: »Die Atomenergie ist in meinen Augen ein Segen und ein Fluch zugleich. Ich glaube nicht, dass man sie rückgängig machen kann. Es gibt schon zu viele Atomkraftwerke und zu viele Atombomben. Es ist klar, dass keine der Groß- und Mittelmächte mit der Atomforschung aufhören wird, solange sein Gegner oder sein Nachbar dies nicht auch tut.

Aus diesem Grunde würde ich vorschlagen, die Atomkraftwerke nicht abzuschalten, sondern eine internationale Dachorganisation zu schaffen, die einerseits die Sicherheitsmaßnahmen festlegt und überprüft und andererseits alle möglichen technischen und psychologischen Maßnahmen vorbereitet für die kommenden Jahre, wenn die verschiedenen Terroristengruppen in der Welt über Kernwaffen verfügen.«

Zum fünften Todestag Ephraim Kishons habe ich mein Interview mit dem großen Satiriker in den Blog »ein Buch lesen« gestellt. Vor fünf Jahren ist Ephraim Kishon verstorben. Doch in seinen Büchern lebt er weiter. Seine große Beliebtheit, davon bin ich überzeugt, verdankt Ephraim Kishon seinem großartigen Talent. Er war ein großer Schriftsteller, der die Schwächen und Stärken von uns Menschen treffend und ohne zu verletzen geschildert hat. Und seine Bilder, die er in Worten gezeichnet hat, sind zeitlos: so wie die Schwächen und Stärken von uns Menschen zeitlos sind... sie bestimmten schon unser Leben, als wir noch in Höhlen hausten. Und sie werden das Leben der Menschen bestimmen, die in ferner Zukunft in gewaltigen Weltraumschiffen ins All starten. Ob sie dann Kishons Bücher mitnehmen werden? Ich glaube es! Und wenn Außerirdische so etwas wie Humor kennen, werden sie sich über Ephraim Kishon amüsieren!


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