Sonntag, 3. Januar 2010

Leseprobe zu "Seele im Glashaus"


Seele im Glashaus


1. Kapitel


„Die Zeichen menschlicher Kultur ersterben, kein Dorf mehr, das wir passieren“
(Theodor Fontane 1819-1898)


Nebelschwaden stiegen wabernd vom Heidegras bewachsenen Bodengrund auf, wehten im Dämmerlicht vor ihnen über die schmale Straße, strichen mit ihren körperlosen Strukturen über die Motorhaube des goldbraunen Aston Martin. Wie von Zauberhand verflüchtigten sich die weißen Geisterhände über die Windschutzscheibe und das Autodach in ein dunkler werdendes Nirgendwo, dass sie inzwischen von allen Seiten zu umgeben schien.
Einzig die beiden milchigen Streifen der sich durch die unwirkliche Landschaft kämpfenden Scheinwerfer, durchbrachen die bizarr anmutende, um sie herum hermetisch abgeriegelt wirkende Welt.
Hin und wieder schmuggelte sich grobes Mauerwerk, das seitlich der eng bemessenen Landstraße parallel zu ihnen verlief, in das Bild ihrer von der Umgebung abgeschlossenen scheinbaren Fantasiewelt.
Der seine Umgebung mit einer undurchdringlichen Schutzschicht überdeckende Nebel hatte ihnen vor etwa einer halben Stunde als abweisendes Tor zum Eintritt in eine neue, unbekannte Gegend gedient. Seitdem sie dieses befremdliche Tor durchfahren hatten, war es als hätte sich die gewohnt geschäftige Welt der Neuzeit schlagartig zurückgezogen.
In dieser unwirtlichen Umgebung schien sich das gesamte Leben zu verlangsamen. Einen sich zur Ewigkeit ausdehnenden Herzschlag lang war es als würde sich ein Teil ihrer Vergangenheit mit dem Nebel verflüchtigen, der zäh an ihnen zu kleben schien und doch ständig in Bewegung war, gleich einem substanzlosen Strom aus farblosem Nichts.
Ein Gedanke, der für die junge Frau auf dem Beifahrersitz, nicht unbedingt unangenehm war. Die Vorstellung gleich einer alten Haut einen Teil ihres unrühmlichen Vorlebens einfach abstreifen und für alle Zeit aus ihrem Gedächtnis tilgen zu können, schien verlockend.
Sie hatte es inzwischen aufgegeben, hinter all dem ungastlichen Nebel, eine mit Sicherheit vorhandene Landschaft erkennen zu wollen. Die einzigen, für ihre Augen klar auszumachenden Dinge waren das Armaturenbrett des sündhaft teuren Autos, der restliche Innenraum des sportlichen Gefährts und das gut aussehende Profil ihres aufgezwungenen Chauffeurs.
Eindeutig zu wenig um sie für die vergangene Stunde in einem Vakuum aus feuchtkalten Wetterbedingungen zu entschädigen.
Zum wiederholten Male glitt ihr wachsamer Blick über das Profil des großen, schlanken Mannes. Es fiel ihr schwer, ihn einzuordnen. Er war eine Mischung aus englischem Gentleman und gebildeten Dandy mit einem Beruf, der ihr ganz und gar nicht behagte. Wenn sie auf etwas keinen Wert legte, dann auf die Gesellschaft eines in ihrem Privatleben schnüffelnden Bullen. Und genau das war er in ihren Augen, ein Schnüffler, ein Staatsscherge, ein Diener falscher Prioritäten. Darüber konnten weder sein gutes Aussehen, noch seine ausgezeichneten Manieren hinwegtäuschen.
Da saß er in seinem geschniegelten, faltenfreien Anzug. Die überkorrekt geschlungene, edle Seidenkrawatte ordentlich in den Bund seiner Hose versenkt, kein Anzeichen von Müdigkeit auf den makellos männlichen Gesichtszügen. Von seinen guten Manieren hatte sie sich in den letzten Tagen zur Genüge überzeugen dürfen. Die angenehmen Nebenerscheinungen, wie das Aufhalten einer Türe, oder das ganz selbstverständliche in eine Jacke helfen, waren Formen der Höflichkeit, die sie bisher in ihrem Leben nicht kennengelernt hatte. Es fiel ihr schwer diese Verhaltensweise nicht als den Versuch zu werten an die Informationen zu gelangen, die er in ihrem Besitz vermutete.
Sehr schnell offenbarte sich jedoch, dass er dieses Verhalten jeder Frau gegenüber an den Tag legte und sie keineswegs eine zweckdienliche Sonderbehandlung erfuhr.
Daher ging sie ohne Scheu dazu über das Verhalten der wohlerzogenen englischen Damen zu imitieren, die sie in seiner Gegenwart kennenzulernen unweigerlich gezwungen wurde. Die feinen Ladys rauschten im Fünfminutentakt auf Fluren, Zimmern, Treppenhäusern oder der Straße auf ihn zu. Sie ließen sich durch angedeutete Handküsse oder ein höfliches Nicken des Kopfes begrüßen und ergossen sich in von grazilen Bewegungen untermalten inhaltslosen Gesprächen. Dabei immer einen abschätzenden Seitenblick auf seine derzeitige, in ihren Augen offensichtlich unpassende Begleitung werfend.
Sie musste sich unweigerlich eingestehen, dass sie wahrlich nicht dem Bild Frau entsprach, welche sich für gewöhnlich im Dunstkreis seiner Herrlichkeit aufzuhalten pflegten. Die in Seide und Kaschmir gekleideten, wohlerzogenen Damen in ihren hochhackigen, edlen Pumps mit dem geschmackvoll dezenten, aber horrend teuren Schmuck stellten die Gesellschaft dar die er normalerweise um sich zu versammeln gewohnt war.
Verglich sie sich in ihrer schwarzen Lederhose, den ausgetretenen Bikerboots, dem locker über dem Hosenbund hängenden Herrenhemd und den Lederbändern um Arm und Hals mit diesen Damen der Gesellschaft, dann musste sie nicht über allzu viel Fantasie verfügen um sich die Gedanken hinter den gepflegten, nahezu glattgebügelten Stirnen vorzustellen.
Hätte sie nicht über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügt, sie wäre glatt in den wenigen, weit auseinander liegenden Stunden seiner aufgezwungenen Gesellschaft in Depressionen versunken. So drückte sie nur bei jedem neuerlichen Angriff auf ihr Selbstwertgefühl das Rückgrat ein wenig mehr durch und bewahrte zu guter Letzt eine bessere Haltung, als es das lebenslange Training den Ladys der englischen Gesellschaft hatte vermitteln können.
Ihre Nasenspitze überragte am Ende des ersten Tages ihrer aufgezwungenen Bekanntschaft die allermeisten gesellschaftlichen Hindernisse. Das Unwohlsein in ihrem Inneren überspielte sie gekonnt.
Scotland Yard, war eigentlich eine irreführende Bezeichnung für die Londoner Polizeibehörde, sinnierte Chiara gelangweilt in ihrer Erinnerung an die letzten Tage verhangen. Die Bedeutung des Namens leitete sich aus dem englischen „Schottischer Hof“ ab und bezog sich im Besonderen auf die dort ansässige Kriminalpolizei, das Criminal Investigation Department (CID).
Die Namensgebung der Behörde leitete sich ehemals von dem ehemaligen schottischen Residenzhof ab, in dem sich das Hauptgebäude der Londoner Polizei zwischen 1829 und 1890 befand. Erst 1890 wurde Scotland Yard in ein neues Gebäude in einer Straße am Themse-Ufer umgesiedelt, das Thames Embankment, das bald als New Scotland Yard bezeichnet wurde. Im Jahre 1967 eröffnete man schließlich das heutige Hauptgebäude in der Nähe des Parlaments.
Der Wechsel vom Bürogebäude Scottland Yards in die hochherrschaftliche Stadtwohnung Wetherbys, am Morgen ihrer gemeinsamen Abreise aus London verschlug ihr in ungewohnter Weise die Sprache.
Ehrfürchtig strichen ihre braunen Augen über die Kostbarkeiten, die ganz nebensächlich auf edlen Abstelltischen, Kommoden, marmornen Kaminsimsen und in vor Sauberkeit glänzenden Glasvitrinen standen.
Ihren aufmerksamen Augen entgingen trotz Nervosität die Schätze, die er sein Eigen nannte, nicht. Mit geübtem Blick unterschied sie zwischen erstklassigen Reproduktionen und echten alten Meistern, die die Wände im Übermaß schmückten. In Kürze hochgerechnet befand sich alleine in seinem Arbeitszimmer ein geschätzter Wert von mehreren hunderttausend Pfund, die auf den ersten Blick ungesichert auf einen kundigen Dieb warteten. Erst bei näherem Hinsehen erkannte sie die geschickt verborgenen Sicherheitsmaßnahmen.
„Schmieden Sie schon wieder düstere Pläne, Miss Frankenburger?“ wandte er sich im einschmeichelnden Ton an sie.
Seine Aussprache machte aus ihrem eh schon ungeliebten, allzu deutschen Nachnamen ein seltsam verzehrtes „Frenkenbörger“ das in ihren Ohren noch unangenehmer klang.
„Könnten Sie sich vielleicht endlich damit anfreunden, mich mit einem meiner Vornamen anzusprechen? Ihre Form der Aussprache meines Namens ist unerträglich.“ erwiderte sie dreist in herausfordernden Tonfall, dabei fest in seine blauen, emotionslosen Augen blickend.
Angestrengt versuchte sie ihn seit ihrem ersten Aufeinandertreffen herauszufordern und von seinem hohen Ross herunterzuholen auf ihre unterirdische Ebene. Doch wie all ihre vorangegangenen Versuche war auch dieser, dank seiner guten Erziehung, zum Scheitern verurteilt.
Mit einem angedeuteten, eleganten Wink seiner Hand verwarf er diesen geradezu anmaßenden Gedanken. „Chiara oder Penthesilea erscheint mir nicht passend nach einer derart kurzen und noch dazu rein dienstlichen Bekanntschaft.“
Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er ihre Reaktion auf sein gespielt überhebliches Verhalten. Und wie erwartet tat sie ihm den Gefallen und viel prompt aus der für sie unpassenden Rolle der wohlerzogenen Dame, die sie sich im Lauf ihrer Bekanntschaft selbst auferlegt hatte.
Für einen kurzen Moment entglitten ihr die vorgetäuscht kühlen Gesichtszüge und ein wütendes Funkeln trat in ihre äußerst lebendigen Augen. „Na gut, Wetherby, dann bleiben Sie eben bei Frenkenbörger.“ zischte sie ihn wenig damenhaft zwischen zusammengebissenen Zähnen an.
Er mochte es, wie sie seinen Namen aussprach. Die Betonung lag bei ihr auf den ersten Buchstaben, glitt über die mittleren hinweg und spuckte die letzten beiden geradezu verachtend heraus. Ein zartes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen, wurde jedoch sofort wieder von seinem schauspielerisch trainierten Gesicht verdammt, um ihr keinen Einblick in seine wahren Gedanken zu ermöglichen.
Doch er hatte sie unterschätzt, ihr war der Sekundenbruchteil freundlichen Entgegenkommens nicht entgangen. Sie mochte aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammen, ihr Auffassungsvermögen war jedoch überdurchschnittlich gut ausgeprägt.
„Sie spielen den Snob sehr überzeugend, aber vielleicht wären Sie bereit mir ein paar Sprossen auf Ihrer mächtig langen Leiter des Dünkels nach unten entgegen zu kommen, dann fiele es mir auch leichter, ein wenig offener zu sein.“
Ihre Worte grenzten in seinen Augen an Erpressung. Seit er sie vor einigen Tagen im Zuge seiner Ermittlungen kennengelernt hatte, war sie verstockt und zu keinerlei Aussagen bereit gewesen. Mit einem frechen Grinsen auf den wohlgeformten Lippen hatte sie ihm zu verstehen gegeben, dass es nichts gab, was sie mit ihm zu bereden hätte. Dabei lag es auf der Hand, dass sie voll in die Sache involviert war. Ein Blinder mit Krückstock hätte diesen Umstand erkannt, geschweige denn ein gut ausgebildeter Chefinspektor von Scottland Yard, wie er einer war.
Duzende von Besuchen in ihrer Unterkunft, einer kleinen, sauberen, mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Wohnung am Rande Londons hatten ihn nicht einen Deut weitergebracht in seinen Ermittlungen. Dabei stand für ihn fest, dass sie über das Grundwissen verfügte, welches ihn ohne Umwege zu den Beweisen gegen die eigentlich gesuchten Personen geführt hätte.
Und nun warf sie einen trockenen Krummen auf den Boden und erwartete, dass er ihn gleich einen gierigen Spatz verschlingen würde. Es stellte kein Problem für ihn dar ihr entgegen zu kommen, er fühlte sich ihr keineswegs von seiner Abstammung her überlegen, Standesdünkel kannte er nicht. Aber er wollte sich nicht auf ihre raffinierten Spielchen einlassen. Er hatte sehr schnell erkennen müssen, dass dieses schlanke Persönchen mit dem wild gelockten, schulterlangen, braunen Haar über eine Gerissenheit verfügte, die einem Genie das Wasser reichen konnte.
Schon einmal hatte er sich von ihr gekonnt über den Tisch ziehen lassen und ihr damit ungewollt wichtige Informationen zugespielt. Das sollte ihm kein zweites Mal passieren. Durch seine Unvorsichtigkeit hatte sie erfahren, warum er den Aufenthaltsort ihres Bekannten herausfinden wollte, und sofort war sie in ihrem eisenbeschlagenen Schneckenhaus verschwunden und hatte nicht einmal mehr einen Fühler nach draußen gestreckt um, wie sie so schön sagte, ihm entgegen zu kommen.
Das war auch der Grund für sein hartes Durchgreifen und die Beantragung eines Haftbefehls für sie gewesen. Doch auch in diesem Fall hatte er erkennen müssen, dass es sich sehr schwierig gestaltete, ihrer habhaft zu werden.
Mehrere Tage hatte sie ihn an der Nase herumgeführt, bis er mehr oder weniger durch einen Zufall ihrer habhaft wurde und sie unter Einsatz seiner Gesundheit in sein Büro schleifen konnte.
Er hatte nicht allzu viele Informationen über die Deutschstämmige, einzig die Erkenntnis, dass sie in Sachen Kickboxen kein Anfänger mehr war. Und dieses Wissen hatte sich schmerzhaft in seinen Körper eingeprägt.
Auf die zusätzliche Anzeige wegen Körperverletzung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt und diverser anderer verbaler Entgleisungen ihrerseits verzichtete er großzügig. Er wollte Auskünfte, keine Verhaftung aufgrund seines angeschlagenen Stolzes.
Um eine vorläufige Verhaftung kam er jedoch nicht herum, es sollte ein Einschüchterungsversuch sein, um sie zum Sprechen zu bewegen. Doch ganz gegen seine Erwartungen wurde sie nur noch verstockter. Wenn man das so nennen konnte, denn eigentlich hatte sie sich auch zuvor keinen Deut auf ihn zu bewegt.
Schließlich lies er sie nach einigen Stunden wieder laufen, in der Hoffnung seine Handlungsweise würde ihr Vertrauen einflössen und ihre chronische Maulsperre lösen. Fehlanzeige!
Bei ihrer nächsten Begegnung fünf Stunden später erhielt er die nächste Tracht Prügel, diesmal allerdings in Vertretung für eine andere Person.
Er hatte sie in ihrer Wohnung aufsuchen wollen, um ihr noch einmal ins nicht vorhandene schlechte Gewissen zu reden. Als er die Wohnungstür angelehnt vorfand, war er von Misstrauen erfüllt in die in nächtlicher Dunkelheit liegende Wohnung geschlichen. Es war nur seinen schnellen Reflexen zu verdanken gewesen, dass er es schaffte, sich unter dem hart ausgeführten Schlag wegzuducken und mittels seines laut in die Dunkelheit gerufenen Namens kenntlich machen konnte, womit er weiteren Angriffen rechtzeitig entgegenwirkte.
Ein Gutes hatten die nachfolgenden Schmerzen in seiner Schulter. Der ungewollte Angriff löste einen winzigen Teilbereich ihrer Verstocktheit. Sie berichtete von einer Person, die sie zu verfolgen schien und mit deren Erscheinen sie eigentlich gerechnet hatte.
Erstaunlicherweise nahm er ihr die Behauptung nicht zu wissen um wen es sich bei diesem geheimnisvollen Verfolger handelte sogar ab. Sie war in eine Sache verstrickt die nur allzu leicht Feinde auf den Plan rief und genau davor wollte er sie schützen. Darum nahm er sie erneut fest, diesmal in Schutzhaft.
Und in eben dieser befand sie sich immer noch und führte ihn auch weiterhin an der Nase herum, was den eigentlichen Grund seines Verhöres betraf. Es war nichts aus ihr herauszubekommen.
Sie wollte ein Entgegenkommen seinerseits? Das konnte sie haben. „Chiara.“ begann er seinen einschmeichelnden Feldzug gegen die Mauern ihrer dahinter in einem Burgfried versteckten Redseligkeit. „Wenn Sie mich in alles einweihen, kann ich Ihnen am effektivsten helfen.“ schlug der erste von seiner verbalen Schleuder abgefeuerte Stein in ihr schützendes Mauerwerk.
Hinterließ jedoch keinen bleibenden Schaden. Ganz im Gegenteil, eine Batterie brennender Pfeile war die Antwort und bohrte sich in sein genervtes Fleisch. „Ich liebe es, wenn ein Engländer für kurze Zeit seine Herkunft vergisst, nur um auf den Jahrhunderte lang ausgetretenen Pfaden der Scheinheiligkeit zu wandeln. Aber das können Sie sich bei mir schenken, Wetherby.“
Wieder dieses merkwürdig betonte We…ther…by. Es reizte ihn zur Weißglut nicht einen Schritt weiter zu kommen, aber er würde auf dem von ihr erwähnten Pfaden weiter schleichen, um vielleicht irgendwann auf den harten Boden ihres geteerten Wissens zu gelangen. „Ich glaube Ihnen, dass Sie nicht wissen, wer Ihr geheimnisvoller Verfolger ist. Aber Sie können mir keinen glaubhaften Grund liefern, warum Sie jemand verfolgen sollte und der einzige Grund, der mir dafür einfällt, wird von Ihnen hartnäckig bestritten. Mir bleibt also nur eine Wahl. Um Sie aus dem Dunstkreis der Gefahr zu bewegen, werde ich Sie solange in Schutzhaft behalten und an einen sicheren Ort verbringen, bis Sie entweder den Mund aufmachen oder Ihr unsichtbarer Feind sein Ziel erreicht hat.“
Dieser Gedanke war schon Stunden zuvor in seinem heimtückischen Gehirn gereift. Er kannte eine Person und einen Ort, der sogar den hartnäckigsten Schweiger mit Sicherheit zum Sprechen bewegen würde.
Und auf dem Weg dorthin befanden sie sich nun. Ein Lächeln der Vorfreude glitt über seine auf die nur schleierhaft vorhandene Straße konzentrierten Züge.
Das heimtückische Grinsen entging Chiara nicht. In einer nervösen Geste wischte sie die lästigen Locken aus ihrem herzförmigen Gesicht, die braunen Augen weiterhin auf den Mann an ihrer Seite geheftet.
Als er ihr mitgeteilt hatte, sie zu ihrem eigenen Schutz an einem sicheren Ort zu verstecken, da dachte sie an ein Gebäude irgendwo in London oder dessen näherem Umland. Doch ihre Reise hatte sich als weitaus langwieriger herausgestellt, als sie in ihren kühnsten Träumen erwartet hatte.
Von London aus ging es über Luton, Northampton, Leicester, Nottingham unaufhaltsam gen Norden. Als sie die Grenze zu Schottland hinter sich gelassen hatten, machte sie ihren ersten schwerwiegenden Fehler. Sie offenbarte ihm ihre stetig anwachsende Unsicherheit.
„Wohin um Himmelswillen bringen Sie mich? Wenn Sie mich foltern wollen, um an Informationen zu kommen, dann hätten Sie das auch in London tun können.“ Ihr Hinterteil schmerzte mittlerweile von der unendlich lang anmutenden Autofahrt, ihr Magen ließ seit etwa einer Stunde laut und vernehmlich ein durchgehendes gieriges Knurren vernehmen und ihr Gehirn schien aufgrund von Luftmangel die sonst so rege Denkfähigkeit auf ein Minimum herab gefahren zu haben.
Es breitete sich ein zufriedenes Lächeln auf seinem bisher so verschlossenen Gesicht aus. Erste Erfolge seiner Taktik wurden bemerkbar.
Trotz verminderter Gehirntätigkeit wurde Chiara sofort auf den von ihr begangenen Fehler aufmerksam und unterließ von da an jegliche Konversation mit dem derzeitigen Staatsfeind Nr.1.
Doch inzwischen waren weitere zwei Stunden vergangen und der ehemals schmerzende Hintern war endgültig abgestorben. Das nagende Hungergefühl hatte sich aufgrund totaler Hoffnungslosigkeit in Bezug auf feste Nahrungsaufnahme wie von selbst verflüchtigt. Einzig ihr Kopf schien ihr wieder gute Dienste zu leisten. Nachdem sie eine halbe Stunde lang, auch gegen den vehementen Einspruch ihres Begleiters, das Fenster auf ihrer Seite weit heruntergekurbelt und sich den frischen Wind um die Ohren hatte wehen lassen, begann ihr Gehirn die gewohnte Tätigkeit wieder aufzunehmen.
Der alles überdeckende Nebel verhinderte einen informativen Blick auf etwaige Straßenschilder, daher tappte Chiara was ihren derzeitigen Aufenthaltsort betraf völlig im Dunkeln.
Einen Moment spielte sie mit dem Gedanken Wetherby danach zu fragen, doch das sichere Wissen ein weiteres siegessicheres Lächeln zu ernten verhinderte den Versuch sich einen Überblick zu verschaffen.
Sein sandfarbenes Haar lag wie gemeißelt an seinem wohlgeformten Kopf an, daran hatte auch der Fahrtwind der durch das heruntergelassene Fenster geweht war nur vorübergehend etwas ändern können. Nachdem sie das Fenster endlich wieder geschlossen hatte, war es ihm mit einem Handgriff gelungen, die volle Pracht wieder zu Recht zu rücken.
Allein dieser Umstand führte dazu, Chiaras Gefühle für den Mann in ein noch negativeres Licht zu rücken. Wie konnte er es wagen, derart perfekt gestylt neben ihr zu sitzen, keinerlei Anzeichen von Müdigkeit zu zeigen und ohne Probleme eine stundenlange schweigsame Fahrt zu akzeptieren, während ihr jeder Knochen wehtat, ihr Haar wahrscheinlich eher einem zu oft benutzten Wischmopp glich und sie ein Gähnen kaum noch unterdrücken konnte?
Ein Blick zur Seite verdeutlichte Wetherby den zerrütteten Gemütszustand seiner „Gefangenen“ und versetzte ihn in einen siegessicheren Freudenzustand. Wenn er sie erst einmal an ihrem Zielort abgeliefert und mit ihrem neuen „Beschützer“ konfrontiert hatte, war es sicher um das Letzte bisschen Selbstbeherrschung geschehen.
Er wusste, wie unfair sein Vorhaben gegenüber dem Mann war, den er aufzusuchen gedachte, aber es schien ihm die wirksamste Waffe gegen die verstockte zukünftige Zeugin seinen besten Freund zum Einsatz zu bringen.
Trotz seines makellosen Aussehens fühlte er sich keineswegs mehr taufrisch. Auch sein Magen verlangte energisch nach Nahrungsaufnahme, allerdings wesentlich weniger lautstark als der ihre. Seine Gesäßmuskeln verdienten ihren Namen nicht mehr, sie hätten in Gesäßburger umgetauft werden müssen und seine scheinbare Aufmerksamkeit ging langsam aber sicher in einen von Sekundenschlaf bedrohten Zustand über. Es war ein Glück, das sie sich bereits ganz in der Nähe ihres Zieles befanden, sonst hätte er nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren können. Sein Fahrstil ließ merklich nach und grenzte ans Selbstmörderische.
©Sylvia Seyboth

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