Sonntag, 10. Januar 2010

Die »heiligen drei Könige« im Stall von Bethlehem, Versuch einer Datierung... und was wirklich in der Bibel steht

von Walter-Jörg Langbein

Niese im Weserbergland, 4. Januar 2010 (Foto): Die klirrende Kälte scheint den drei recht jugendlichen Königen arg zuzusetzen. Wacker kämpfen sie sich durch Schnee und Eis, dem beißenden Wind zum Trotz. Sie folgten, so verkünden sie von Haus zu Haus ziehend, dem Stern, um dem Messias zu huldigen.

Alle Jahre wieder ziehen um den 6. Januar »orientalisch« verkleidete Kinder durch katholische Regionen. Sie erzählen von den »heiligen drei Königen«, sammeln für wohltätige Zwecke und schreiben »CMB« über die Haustür, bevor sie weitergehen. Im Volksglauben stehen diese Initialen für Caspar, Melchior und Balthasar, die »Königsnamen«.

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der alte Volksbrauch besonders populär. Das war der katholischen Kirche nicht besonders angenehm. Denn die angeblichen »Heiligen drei Könige« sind historisch nicht nachweisbar. Es hat sie vermutlich gar nicht gegeben. Doch der religiöse Volksbrauch war stark im Glauben verankert... auch in Zeiten, da immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken kehrten. Wacker wurde weiterhin »CMB« an Haustüren gekritzelt. Weiter wurden diese drei Buchstaben mit den Königsnamen »Caspar«, »Melchior« und »Balthasar« identifiziert.

Davon distanziert sich die katholische Kirche allerdings und interpretierte um: »CMB« sollte nun für »Christus Mansionem Benedicat«, »Christus segne dieses Haus« stehen. Indes: Sehr einleuchtend ist diese »Erklärung« nicht wirklich: Ein »mansionis« war nämlich kein Wohnhaus. Es war eine Art »Hotel zur Post« zu Zeiten der Postkutsche. Da gab es einen Stall für die Pferde, Übernachtungsmöglichkeiten und oft auch Essen für zahlende Kunden. In richtigem Latein müssten also die »heiligen drei Könige« schreiben »C(hristus) d(omum) b(enedicat)«.

Im »Obermain Tagblatt« der Wochendausgabe vom 2. und 3. Januar 2010 wird auf der Seite »Kirchliche Nachrichten« auf den besonderen Schmuck in der »Johanneskirche« hingewiesen. Als Bildunterschrift zu einem großen Foto lesen wir da: »Anbetung der drei Weisen. Michelau. Auch in diesem Jahr ist die evangelische Johanneskirche der Dekanatsgemeinde Michelau zur Weihnachtszeit wieder sehr festlich geschmückt. So wird der hohe Kanzelaltar von zwei mächtigen und reich mit verschiedenartigen Sternen verzierten Christbäumen flankiert. Unter dem linken Baum ist eine große Krippe aufgebaut, die die Huldigung des Jesuskindes durch die Hirten und die drei Könige zeigt. Das Matthäus-Evangelium berichtet...«

Dem aufmerksamen Leser fällt ein Widerspruch auf: Wurde das Jesuskind in der Krippe nun von drei Königen oder von drei Weisen besucht und beschenkt? Die meisten Menschen, die das christliche Glaubensgut noch nicht völlig vergessen haben, meinen genau zu wissen, was die Bibel über die Geschehnisse im Stall zu Bethlehem berichtet....

Es ist finstere Nacht. Die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar reiten auf ihren Kamelen. Sie folgen einem großen, hellen Kometen, der ihnen den Weg nach Bethlehem zeigt. Er soll ihnen zeigen, wo der neue König Judäas auf die Welt kommen würde, um ihn zu beschenken und anzubeten.

Diese Szene gehört zu den beliebtesten Bildern christlichen Glaubens. Doch in der Bibel kommen die im Volksglauben so beliebten Herrscher gar nicht vor. Nur bei Matthäus (1) gibt es einen Hinweis: »Siehe da kamen Magier aus dem Osten nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Osten und sind gekommen, ihn anzubeten.«Die geographischen Angaben sind knapp und können so nicht stimmen. Die Magier kamen aus dem Osten, von Jerusalem aus betrachtet. Der Stern muss ihnen also von ihrer Heimat aus gesehen im Westen erschienen sein, nicht im Osten. Im Osten Jerusalems lag Persien, das Mutterland der Astrologie. Menschen, die »einem Stern folgen« waren offensichtlich Sterndeuter. Im Griechischen werden sie als »magoi« bezeichnet. Der Ausdruck leitet sich vom persischen »magusch« ab. Ein »magosch« war ein Mitglied der Priesterklasse. Astrologie war eines seiner wichtigsten Betätigungsfelder.

Wir stellen uns einen Kometen vor, der sich vor den Sternkundigen bewegte und ihnen den Weg zeigte. Das kann nicht sein, denn Kometen galten stets als Vorboten für Unglücke wie Krieg und Tod, nicht als himmlisches Zeichen für die nahende Geburt eines irdischen Herrschers. Unsere Unterstellung ist falsch: Die Bibel verwendet eine orientalische Redensart, die besagt, dass sich die Männer »in Richtung nach dem Stern« begaben. Aber nach welchem Stern? Diese Frage kann die Astrologie beantworten! Wir müssen bedenken, dass in der Astrologie Planeten fälschlich als Sterne bezeichnet wurden. Welche Planeten galten zu Jesu Zeiten als günstige Vorzeichen? Jupiter wurde immer als Künder von Günstigem verstanden. Saturn deutet auf gute und edle Menschen hin. Mars steht für Stärke, Merkur für Frömmigkeit und Venus für die Liebe zu Mensch und Gott. Welcher dieser Planeten mag nun Astrologen aus Persien ins Land der Bibel gelockt haben? Astrologen lesen Prophezeiungen aus Planetenkonstellationen, nicht aus einzelnen Planeten.

Am 17. April 6 v.Chr. gab es eine erstaunliche Kombination, wie sie nur höchst selten auftritt! Die fünf Planeten Jupiter, Saturn, Mars, Merkur und Venus traten gemeinsam auf: im Sternbild Widder. Dazu gesellte sich die schmale Sichel des zunehmenden Mondes. Widder war das Sternzeichen Judäas. Die Glücksplaneten im Widder zusammen mit dem Mond ließen sich einfach interpretieren. In Judäa würde ein König geboren werden, ein guter, edler, starker, frommer, von Gott und den Menschen geliebter Regent!

Erwarteten die Magoi für den 17. April 6 v.Chr. die Geburt von Judäas neuem König? Die seltene Konstellation mag tatsächlich Astrologen aus Persien angelockt haben. Wurde Jesus wirklich 6 v. Chr. Geboren? Nach Matthäus (3) und Lukas (4) herrschte Herodes, als Jesus zur Welt kam. Da Herodes 4 v. Chr. starb, könnte Jesus 7 v. Chr. geboren worden sein. Andererseits aber soll es gleichzeitig eine Volkszählung gegeben haben. Lukas sagt konkret: als Qurinius Statthalter in Syrien war (5). Nach Herodot fand diese Zählung aber 6 n.Chr. statt. Beide Aussagen widersprechen sich eklatant.

Eindeutig falsch ist eine Information, die wir bei Matthäus finden. Herodes ließ demnach (6) »alle Hohepriester« zusammenkommen, um von ihnen zu erfahren, wo denn der neue König das Licht der Welt erblicken würde. Es gab aber stets nur jeweils einen Hohepriester und niemals mehrere.

Wir glauben zu wissen, dass die Könige Caspar, Melchior und Balthasar dem Jesuskind huldigten. Fakt ist: in der Bibel steht nichts dergleichen. Die Bibel spricht nicht von »Königen«, sondern von »Weisen« und meint damit Astrologen. Die Bibel nennt keine Zahl und auch keine Namen. Die Zahl drei kam weit mehr als 1 000 Jahre nach Jesu Geburt in die Geschichte: Es sollte die Anbetung Jesu durch die Vertreter der gesamten Welt veranschaulich werden. Da man von drei Erdteilen – Europa, Afrika und Asien – ausging, mussten drei Könige an die Krippe Jesu treten. Da man wusste, dass in Afrika Menschen schwarzer Hautfarbe lebten, musste einer der drei Könige schwarz sein: Caspar wurde zum Repräsentanten Afrikas.

Die drei »Königs-Namen« wurden willkürlich gewählt. In der Bibel stehen sie nicht. Und willkürlich legte man im Mittelalter fest, dass Balthasar ein Greis war, der Weihrauch schenkte. Melchior, der Überbringer von Gold, wurde als Mann mittleren Alters gesehen und Caspar (mit Myrrhe als Geschenk) als Jüngling. So wurden namenlose Astrologen unbestimmter Zahl zu den drei Königen Caspar, Melchior und Balthasar, zu den Repräsentanten der drei damals bekannten Erdteile und der drei Lebensalter.

Fußnoten

1) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 2, Verse 1 und 2, Übersetzung aus dem Griechischen durch den Verfasser.
2) Siehe hierzu Lamsa, George M.: »Die Evangelien in aramäischer Sicht«, Gossau 1963, S. 61- 63
3) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 2, Vers 1
4) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 3. Vers 1
5) Das Evangelium nach Lukas Kapitel 2, Vers 2
6) Das Evangelium nach Matthäus Kapitel 2, Vers 4

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1 Kommentar:

  1. Lieber Walter,
    schon dein Buch "Lexikon der biblischen Irrtümer" habe ich verschlungen und freue mich, dass du dir die Mühe machst, den teilweise schwer nachvollziehbaren Geschichten der Bibel, auf den Grund zu gehen.

    Ich ging als Kind noch jeden Sonntag begeistert zum Kindergottesdienst und habe staunend den Wundern gelauscht, die uns dort erzählt wurden. Die Wirkung dieser Kombination aus Wundern und Macht, denen man als Kind ausgeliefert ist, kann in jungen Menschen Irritationen und Schuldgefühle hervorgerufen, und das, obwohl viele intuitiv spüren, dass die Geschichten der Bibel voller Widersprüche sind, die zu Hinterfragen auch heute in vielen Familien nicht erlaubt ist.

    Ich denke, dass es für die jetzigen und folgenden Generationen existenziell ist, dass die Botschaften der Bibel völlig neu erklärt werden. Sowohl inhaltlich als auch geschichtlich. Daten und Fakten, die an allen Ecken und Enden nicht haltbar sind, bewirken letztlich nur, dass Menschen sich von der christlichen Religion abwenden. Religionen sollten dazu dienen, den Menschen Rat und Hilfe zur Selbsthilfe, in allen Lebenslagen zu geben. Nicht aber, um sie mit fingierten Geschichten in Angst und Schrecken zu versetzen, um machthungrigen, selbst ernannten Größen, als Werkzeug dienen zu können oder Menschen zu manipulieren und gefügig zu machen. Dies umso mehr, angesichts der zu bewältigenden globalen Probleme, die auf die nächsten Generationen zukommen. Denn die brauchen eine klare Sprache und ein noch klareres Bild, von der durch Menschen vorbereiteten Zukunft.

    Vielen Dank für diesen Beitrag!

    gcroth

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