Freitag, 4. Dezember 2009

Ruprecht

Seit etlichen Jahren versuche ich unmittelbar vor Weihnachten, mich zu verstecken, damit mich das Christkind nicht finden kann; denn ich fühle mich inzwischen alt und müde und bin es leid, allen Kindern Geschenke zu bringen, selbst den frechen Rotznasen. Doch jedes Jahr wiederholt es sich, dass mich das Christkind dennoch aufspürt, sogar tief im Tannenwald, wohin es mich dieses Mal getrieben hat.

„Ruprecht, mein treuer Gefährte, beeile dich, die Zeit drängt!“, höre ich das Christkind mich antreiben, „schon morgen fliege ich zur Erde, denn dann ist wieder Weihnachten.“

„Ach Jesus, statt treuer Gefährte hättest du besser alter und müder Gefährte gesagt. Denn das entspräche meiner Befindlichkeit erheblich mehr.“

„Ruprecht, mein treuer Gefährte! Natürlich ist es mir nicht verborgen geblieben, dass du seit einigen Jahren den Elan vermissen lässt, die Begeisterung, mit der du früher die Kinder aufgesucht hast. – Was ist geschehen, mein treuer Freund?“

„Du hast es bemerkt?“, frage ich erstaunt.

„Wer könnte vor mir auch nur die kleinste Kleinigkeit verbergen? Nicht anders als mein Vater sehe ich den Menschen nicht nur ins Gesicht, ich sehe ihnen tief in die Augen und erkenne dann ihre Seele.“

„Du siehst ihnen direkt in die Seele – wirklich in die Seele?“

„Was, mein Freund, erstaunt dich daran so sehr?“

„Ach Herr Jesus, ich staune darüber, dass jemand sogar in die Seele eines Menschen sehen kann.“

„Aber, aber, mein treuer Gefährte, jetzt staune ich über deine Unwissenheit. Hast du etwa alles vergessen?“

„Nein, so ist es nicht, lieber Jesus, vergessen habe ich wohl nichts, aber es hat sich so viel geändert, dass ich nicht weiß, was noch gilt und was nicht.“

„Du weißt also noch alles, wie du sagst, du bist nur nicht sicher, ob das, woran du dich noch erinnerst, immer noch wahr ist. – Ist das richtig?“

„Ja, Herr Jesus, genau so ist es.“

„Du weißt demnach auch noch, wer ich bin – oder?“

„Natürlich weiß ich das noch! Wie könnte ich das wohl vergessen?“

„Wer bin ich also, mein Freund?“

„Du bist Christus und lebtest als der Mensch Jesus unter Menschen. Nachdem man dich gemartert und ans Kreuz geschlagen hatte, endete dein Menschenleben. Eine kurze Zeit verweiltest du noch als Geist in einem menschlich aussehenden Ersatzkörper auf der Erde, dann fuhrst du auf zum Himmel, zu deinem göttlichen Vater. Das menschliche Dasein ist Vergangenheit, die Göttlichkeit ist Gegenwart und Zukunft.“

„Sehr gut, mein treuer Gefährte Ruprecht! Du weißt wirklich noch, wer ich bin. Wo sind deine Schwierigkeiten dann, was bereitet dir Sorgen oder sogar Kummer?“

„Es hat sich so viel verändert, und ich verstehe etliches davon nicht mehr“, antworte ich traurig.

„Dass sich etwas ändert, sollte dich doch nicht in Erstaunen versetzen, denn das einzig Konstante im Leben ist die Änderung, wie einmal jemand behauptete, und ich gebe ihm zum Teil recht.“

„Änderungen im Allgemeinen verwundern mich auch nicht, es sind vielmehr die wenig auffallenden Besonderheiten.“

„Besonderheiten? Woran denkst du dabei?“

„Vor allem denke ich an die Kinder, Jesus, an die vielen Kinder und deren Eltern.“

„Das ist gut, mein Freund Ruprecht, die Kinder sind schließlich das Wichtigste, sie sind die Zukunft des Menschen. – Was ist nun mit den Kindern?“

„Der Umgang mit ihnen ist das, was mir Sorgen bereitet.“

„Sorgen, mein Freund? Das solltest du noch etwas erklären, denn so ist es nicht nachzuvollziehen!“

„Wenn ich früher zu den Kindern kam, bereitete ich ihnen große Freude, indem ich ihnen Bauklötze aus Holz, einen Holzreifen, eine Holzeisenbahn, ein Buch oder eine Puppe schenkte. Um heute einen schwachen Abglanz von Freude in ihre Gesichter zu zaubern, bringe ich ihnen komplizierte technische Geräte. Um deren Funktion zu begreifen, müsste ich mich schon zum Ingenieur ausbilden lassen.“

„Die Geschenke, mein treuer Freund, die du den Kindern bringst, spiegeln bis zu einem gewissen Grad das Umfeld der Kinder wieder. Denn sie sollen mit dem vertraut werden, was die Welt, in der sie leben, kennzeichnet.“

„Heißt das etwa, dass sich das Umfeld der Kinder derart stark verändert hat?“

„Ja, mein treuer Ruprecht, so ist es. Denk bitte einmal an das Telefon. Als es sich ausbreitete, waren es monströse Geräte in Schwarz oder Weiß, mit einer runden Wählscheibe und einem ziemlich schweren Hörer. Bei den heutigen Geräten, den Handys, ist das Telefonieren nur noch eine unter etlichen anderen Funktionen.“

„Das verstehe ich, lieber Jesus.“

„Du verstehst es zwar, aber deine Stimmung hat sich noch nicht gebessert, du hast demnach noch weiteren Kummer – oder?“

„Du warst schon immer ein guter Beobachter. Es gibt tatsächlich noch etwas, was mich verwirrt …“

„… und Kummer bereitet“, unterbricht mich Jesus, „also heraus mit der Sprache! Was bedrückt dich noch?“

„Sieh hier, Herr, hier habe ich noch immer meine Rute. Wenn ich früher zu den Familien kam, wurde mir berichtet, ob die Kinder artig gewesen waren oder ungezogen. Die Artigen erhielten Geschenke, die anderen mussten die Rute spüren. Doch wenn ich jetzt die Rute nur berühre, protestieren die Eltern sofort und drohen mir mit einer Anzeige bei der Polizei. – Was ist an meiner Rute plötzlich falsch?“

„Die Rute war bereits immer falsch. Sie war stets ein Eingeständnis der Eltern, dass sie ihr Kind nicht richtig erziehen konnten, dass sie überfordert waren. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Eltern ihre Kinder schlugen, weil sie der Überzeugung waren, ihren Kindern solle es nicht besser ergehen als ihnen selbst. Schläge erschaffen neue Schläger oder gedankenlose Untertanen, die, ohne nachzudenken, alles machen, was die Obrigkeit verlangt.“

„Sind inzwischen etwa alle Kinder zu kleinen Engeln geworden?“

„Nein, mein Freund, das sind sie gewiss nicht. Sie hecken ebenso Streiche aus, wie es die Kinder seit eh und je machen. Das gehört zum Kind Sein dazu.“

„Dann bleibt doch das Problem, wie wir mit unartigen Kindern umgehen sollen.“

„Du, mein treuer Freund, solltest gar kein Problem damit haben, denn du bringst ihnen nur Geschenke.“

„Etwa allen, auch den wirklich sehr unartigen Kindern?“

„Ja, auch ihnen. Die Erziehung überlasse denen, deren Aufgabe es ist, insbesondere den Eltern und Lehrern. Sie sollen die Kinder so führen, dass nach Möglichkeit keine wirklich schlimmen Ereignisse geschehen. Das ist nicht immer einfach, aber wo steht geschrieben, alles müsse einfach sein? Es ist die Aufgabe der Erzieher.“

„Ich verstehe, Herr, allen nur Geschenke bringen, ob artig oder unartig.“

„So ist es, mein treuer Ruprecht.“

„Und was, Jesus, fange ich nun mit meiner Rute an? Soll ich sie einfach wegwerfen?“

„Nein, mein treuer Freund, wirf sie nicht weg! Du brauchst sie vielleicht doch noch.“

„Was? – Wie meinst du das, ich brauche sie vielleicht doch noch? Ich denke, ich soll keine Kinder mehr schlagen. Gilt das etwa nicht mehr?“

„Doch, es gilt nach wie vor, dass du keine Kinder mehr schlagen sollst, aber vielleicht die Eltern, die sich nicht genug Mühe gegeben haben, ihre Kinder zu Menschen zu erziehen, die das Schlagen verabscheuen.“

„Ich soll die Eltern schlagen? Ist das dein Ernst?“

„Nein, mein gewissenhafter Freund Ruprecht, es war ein Scherz. Obwohl einige Eltern durchaus einmal die Rute spüren sollten.“

„Jesus, mein Herr, was ist nun richtig? Du verwirrst mich. Soll ich nun statt der Kinder die Eltern schlagen?“

„Nein, es war ein Scherz, wirklich nur ein Scherz, Ruprecht, mein treuer Gefährte.“


Wolf-Gero Bajohr
Dezember 2009

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