Mittwoch, 11. November 2009

Karlheinz Böhm und sein Lebenswerk - was Menschen für Menschen geschaffen haben


Der Anblick ist für uns Europäer ungewohnt, ja beinahe unvorstellbar. Wir befinden uns in einem äthiopischen Dorf am Horn von Afrika. Fensterlose Lehmziegelhäuser mit undichten Dächern über dem gestampften Erdboden, ein Zimmer pro Familie. Eselkarawanen und barfüßige Frauen welche auf dem gebeugten Rücken schwere Brennholzbündel zu Markte tragen, bevölkern die Straße, die man eigentlich eher als eine Staubpiste bezeichnen muß.
Karlheinz Böhm alias Mr.Karl, wie sie ihn hier liebevoll nennen, sitzt auf dem einzigen Holzstuhl, vor ihm hocken ungefähr 200 Bauern im Halbkreis am Boden, die Männer in Shorts und Lendenschurz, die Frauen in langen Kleidern und bunten Tüchern. Neben ihm lehnt Berhanu Negussie, Menschen für Menschen-Mitarbeiter der allerersten Stunde, Übersetzer, Wegbegleiter und treuer Freund Karlheinz Böhms. Die Versammlung läuft gut, die Menschen sind interessiert, es geht um Ernte und Regenzeiten, um Aussaat und auch um Dorfangelegenheiten. Berhanu übersetzt so fließend aus dem Oromo-Dialekt, dass sogar der Humor und Mutterwitz der Halbnomaden rüberkommt.
Wie alles begann
Aber blenden wir 28 Jahre zurück....
16.Mai 1981, abends. Ein adretter, sympathisch wirkender Brillenträger steht neben Showmaster Frank Elstner auf der Bühne der Fernsehshow "Wetten dass...?" und hält die Rede seines Lebens: "Ich wette, dass nicht einmal ein Drittel der Zuschauer, die uns jetzt in Österreich, der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland zusehen, bereit ist, nur eine Mark für die hungernden Menschen in der Sahelzone zu spenden. Und diese Wette möchte ich gern verlieren!"
Der Mann, der hier so mutig auftrat - und wohl noch nicht ahnte, dass er damit sein Lebenswerk aus der Taufe hob - war Karlheinz Böhm, Schauspieler, Darsteller des Kaiser Franz Joseph in der "Sissi-Trilogie" und Identifikationsfigur der deutschen Wirtschaftswunderjahre. Der Sohn der Sopranistin Thea Linhard und des österreichischen Dirigenten Karl Böhm wirkte insgesamt in 45 Filmen mit und schaffte sogar den Sprung nach Hollywood. Doch das Schicksal hatte mehr mit ihm vor, als eine reine Schauspielkarriere. Anlässlich eines Urlaubes in Kenia, wo er von einem Hotelangestellten in dessen Heimatdorf eingeladen wurde, wurde Böhm mit der unvorstellbaren Armut in Afrika konfrontiert und er beschloss, zu helfen.
Aber zurück zu jenem Abend des 16.Mai 1981: Karlheinz Böhm gewann die Wette, es kamen durch diesen Aufruf sagenhafte 1,7 Millionen Mark (rund 865.000 Euro) an Spendengeldern zusammen. Im Oktober 1981 flog Böhm erstmals nach Äthiopien und gründete die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen" die sich am 13. November 1981 als "Stiftung Menschen für Menschen e.V." in München konstituierte.
Die Projekte
Das erste durchgeführte Hilfsprojekt widmete sich der Ansiedlung von etwa 1.500 Halbnomaden in Babile/Ost-Äthiopien. Gemeinsam mit diesen Menschen wurden vier neue Dörfer für die nun sesshaften Bauern errichtet. Das erste Dorf erhielt den Namen Nagaya, was auf äthiopisch "Frieden" bedeutet. Zahlreiche weitere Projekte im Erer-Tal, in Babile, Merhabete und anderen von Hungersnot betroffenen Gebieten folgten und waren sehr erfolgreich, es konnte die Lebensqualität der Menschen spürbar verbessert werden. Was aber macht speziell die Projekte von Menschen für Menschen so erfolgeich, sodass diese von Experten bereits als "Schlüssel zum Tor der Völkerverständigung" bezeichnet werden?
Strategien und Schwerpunkte
"Hilfe zur Selbstentwicklung" lautet das Prinzip der Arbeit von Menschen für Menschen. Das langfristige Ziel lautet, dass die Menschen in Äthiopien unabhängig von fremder Hilfe ein besseres Leben führen: Sauberes Wasser, genug zu essen, eine Ausbildung für die Kinder, ausreichende medizinische Versorgung. Wenn es bis dorthin auch noch ein weiter Weg ist: Karlheinz Böhm hat mit seiner Äthiopien-Hilfsorganisation eindrucksvoll bewiesen, dass Entwicklungshilfe entgegen anderslautender Meinung funktionieren kann – wenn man es richtig anpackt. Er hat den Menschen in Äthiopien zugehört, hat versucht, ihre Mentalität und ihre Traditionen zu verstehen. Denn es ist vor allem wichtig, den betroffenen Menschen Hoffnung und Selbstvertrauen zu geben. Kleinkredit-Aktionen an Bauern und initiative Frauengruppen im Dorf sind für die Bewohner ein Motivationsschub ohnegleichen, erhöhen das Selbstwertgefühl jedes einzelnen und tragen auch zu einem gesteigerten Ansehen der Frauen bei.
Die operativen Schwerpunkte der Hilfsorganisation liegen im Prinzip auf 4 Säulen:
1.) Wasserversorgung
Durch den Bau von Brunnen und Quellfassungen nahe der Dörfer schafft Menschen für Menschen hygienische Lebensbedingungen. Denn sauberes Wasser ist nicht nur als Trinkwasser lebensnotwendig, es verringert auch die Entstehung von Krankheiten – man denke nur an die Wunddesinfektion – welche sonst mit teuren und schwierig zu beschaffenden Medikamenten bekämpft werden müssten. Bis jetzt wurden von der Hilfsorganisation 1.333 Wasserstellen, 50 Bewässerungsanlagen und 65 Wasserreservoirs errichtet.
2.) Agro-Ökologie
Die Erhaltung und Regeneration des Bodens gehört zu den wichtigsten Basisarbeiten. Mittels gezielter Diversifikation und Durchmischung des Saatgutes sowie baulichen Maßnahmen wie Terrassierungen wird der Erosion des Bodens entgegengewirkt, wodurch erstaunliche Ertragssteigerungen erzielt werden können - dies jedoch immer im Einklang mit entsprechend ökologischer Nachhaltigkeit und schonender Bodennutzung. Unglaubliche 93 Mio. Baumsetzlinge zur Aufforstung wurden gepflanzt und 35.302 km Terrassierungen und Erdwälle errichtet.
3.) medizinische Versorgung
Die in vielen Gebieten Äthiopiens vollständig fehlende medizinische Grundversorgung hat zur Folge, dass selbst harmlose Krankheiten häufig tödlich enden. Diesem Mißstand wird mit intensiven Fortbildungsprogrammen für Ärzte und Schwestern sowie dem Bau von Hospitälern begegnet. Bereits 86 Krankenstationen wurden von der Hilfsorganisation in Äthiopien errichtet.
4.) Bildung
Dass Bildung der Schlüssel zur Entwicklung ist, wird heute wohl von niemandem mehr bezweifelt. Leider ist es nun nicht damit getan, einfach Schulen zu errichten und Lehrer auszubilden. Aufgrund der Armut, in der diese Familien leben, müssen alle Familienmitglieder – auch die Kinder – ihren täglichen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie leisten. Da bleibt für Schulbesuch kaum Zeit. Somit müssen auch die Strukturen geändert, den Menschen eine lebenswerte Perspektive geboten werden. Genau hier setzt Menschen für Menschen an. Die erfreuliche Bilanz: Bisher konnten 220 Schulen und 7 Trainings- und Berufsbildungszentren (teilweise mit angeschlossenen Wohnheimen) errichtet werden, wo mit modernen Methoden praktisches und theoretisches Wissen vermittelt wird.
Hoffnung für die Zukunft
Wie sagte einst der Gründer der Pfadfinderbewegung, Baden-Powell: Versucht, die Welt ein bißchen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt!
Karlheinz Böhm ist dies mit seinem Lebenswerk in Äthiopien eindrucksvoll gelungen!

Wenn Sie über Menschen für Menschen ein Buch lesen wollen:
Karlheinz Böhm, was Menschen für Menschen geschaffen haben - 20 Jahre für Äthiopien von Swantje Strieder/Jürgen Strauss Verlag Hugendubel, München

Weitere Infos und Spendemöglichkeit gibt´s hier: www.menschenfuermenschen.org/

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