Sonntag, 1. November 2009

Karl May - Vom Wilden zum Heiligen

Walter-Jörg Langbein stellt vor:

Marlies Bugmann –
Schriftstellerin, Karl-May-Übersetzerin
und Karl-May-Biographin

Marlies Bugmann, geboren in der Schweiz, wanderte in ihren frühen Zwanzigern nach Neuseeland aus. Sie wurde Neuseeländerin und nennt sich mit Stolz »Kiwi«. 1988 zog es Marlies Bugmann – zusammen mit ihrem australischen Ehemann David – nach Tasmanien. Tasmaniens Fauna und Flora – in unseren Tagen auf vielfältige Weise bedroht – faszinierten Marlies Bugmann und inspirierten sie zu einer Reihe von Kinder-Romanen (»The Green Heart Series«). Ihr Berner Sennenhund Bertie ließ die Schriftstellerin intensiv recherchieren und ein kompaktes Buch über die vierbeinige Ikone schreiben: »Schweizer Tradition in Schwarz und Weiß«.

Aus der Schriftstellerin Marlies Bugmann wurde die Übersetzerin. 2004 begann sie mit der Übersetzung von Karl Mays »Weihnacht!« Das Buch erschien, gefolgt von weiteren Bänden, in englischer Sprache. Karl May Romane, die so häufig im »Wilden Westen« spielen, werden so einem englischsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Inzwischen liegt bereits eine Reihe weiterer vorzüglicher Übersetzungen von Karl May Werken ins Englische vor (die einige interessante Forschungsresultate beinhalten), von Marlies Bugmann kenntnisreich und liebevoll gestaltet: zum Beispiel die »Winnetou Trilogie« und Old Surehand.
Ein Denkmal setzte Marlies Bugmann dem wahrscheinlich erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache mit der fundamentalen Karl-May-Biographie »Savage To Saint: The Karl May Story« (»Vom Wilden zum Heiligen: Die Karl May Geschichte«). Eine deutsche Version dieses grundlegenden Werks liegt leider bislang nicht vor. Kein echter Karl-May-Fan kann darauf verzichten!


Ich selbst lese Karl May seit meiner frühen Kindheit. Karl May machte mich auf die weite, weite Welt neugierig... auf Abenteurer und Schatzsucher, auf fremde Kulturen und uralte Kultbauten aus längst vergangenen Epochen. Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich ein kleines Vorwort zu einem der – wie ich meine – wichtigsten Bücher über Karl Mays Leben und Werk verfassen durfte.
In meinem Vorwort schrieb ich:

»›Savage to Saint‹ verfolgt Karl Mays Werdegang, seine unglaublich anmutende Entwicklung: vom Kind, das in bitterer Armut aufwuchs zum jungen Mann, der im bürgerlichen Leben scheiterte... vom verzweifelten Gesetzesbrecher zum greisen Menschenfreund und Philosophen, der schon vor mehr als einhundert Jahren erstaunlich moderne Gedanken über die großen Probleme der Menschheit formulierte. ›Savage to Saint‹ ist nicht nur ein Meilenstein der May-Forschung. Es ist ein packendes Buch über die Extreme, zu denen ein Mensch fähig ist. Marlies Bugmann hat ein wichtiges Buch verfasst – nicht nur für Karl-May-Freunde. Es ist das Buch über einen Bestsellerautoren, der zum weisen Philosophen und Menschenfreund wurde. Mir ist kein vergleichbares Werk bekannt, das so viel Nachdenkenswertes über Chancen und Gefahren, über Sehnsüchte und Scheitern, über Traum und Wirklichkeit bietet! Es ist ein Buch über das Menschsein, zutiefst philosophisch und spannend wie ein Abenteuerroman zugleich! Es ist eines der wichtigsten Bücher, die ich je gelesen habe!«

Marlies Bugmann öffnete Karl May und seinem Werk ein weites Tor – für die englischsprachige Welt. Ihre Website http://www.karl-may-friends.net/ erfreut sich großer Beliebtheit!

Marlies Bugmann:
Karl May - »Vom Wilden zum Heiligen«

Karl May. Es gibt ganz bestimmte Empfindungen und Gefühle, die bei jedem Europäer, der jemals einen Karl-May-Film gesehen oder einen Karl-May-Roman gelesen hat, abgerufen werden – sobald nur der Name Karl May gehört oder gelesen wird. Gibt es Karl-May-Leser, die wirklichen realisieren, warum das so ist? Nach 1962, nach »Der Schatz im Silbersee«, änderte sich mein Leben: sehr subtil, fast unmerklich, aber es geschah! Ich sah mein Umfeld in einem anderen Licht. Ich betrachtete meine Mitmenschen mit anderen Augen. Und meine Spiele erhielten eine andere Bedeutung. Ich war acht Jahre alt damals, und doch erinnere ich mich gut an den mächtigen Eindruck. Siebenundvierzig Jahre nach »Der Schatz im Silbersee« begann ich, Karl May zu übersetzen. Und ich spürte zu meinem Erstaunen, welche Kraft hinter dieser Veränderung steckte!
Karl May vor den Niagara-Fällen

Die Motivation, ein Buch zu schreiben, ist von Autor zu Autor verschieden, eines aber bleibt immer gleich: jedes Buch, das ein Schriftsteller schreibt (jedes Gemälde, das ein Maler schafft, jede Skulptur, die ein Bildhauer kreiert) ist durchdrungen von der ureigenen Essenz des Schaffenden – unvermeidlich, unbewusst. Es gibt einen direkten Dialog in beide Richtungen: zwischen Künstler/Künstlerin und seinem/ihrem Werk. Das Werk spricht direkt den Künstler an und löst den nächsten Schritt der Entwicklung aus – im Kunstwerk wie beim Künstler.
Das traf zu auf Karl May, das gilt für mich, das sollte immer stimmen, wenn jemand in welcher Weise und in welcher Form auch immer Kunst erschafft. Wenn dem nicht so ist, dann handelt es sich nicht um echte Kunst!

»Savage to Saint« (»Vom Wilden zum Heiligen«), die Mikro-Biographie von Karl May und zugleich Darstellung seines Werkes (wobei der Blick ausschließlich auf »Winnetou« und Karl Mays Romane aus dem Wilden Westen gerichtet wird) war für meine Arbeit als Karl-May-Übersetzerin eine absolute Notwendigkeit. Karl May zu übersetzen, so fand ich rasch heraus, war nicht nur eine zweigleisige Verbindung zwischen der Autorin der Übersetzung (also mir) und dem Endergebnis (also der Übersetzung). Es liegt vielmehr so etwas wie eine Dreierbeziehung vor. Und jeder der drei Partner – Karl May, die Übersetzung des Textes und ich als Übersetzerin – ist von den beiden anderen Partnern abhängig, für die Bestätigung der Authentizität von allen drei.

Indem ich Karl Mays Leben, seine Philosophie, sein Werk grafisch darstellte – genauer gesagt den Abschnitt welcher Karl Mays Wildwest-Genre sowie die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand repräsentiert – ermöglichte ich nicht nur einem neuen Publikum einen Einblick in das Paradoxon Karl May, das vielleicht erklären mag, warum sich besonders deutschsprachige Europäer den amerikanischen Ureinwohnern anders annähern, nämlich mit einer größeren Kapazität, einen offenen Dialog zu führen, sondern ich erkannte auch, dass ich als Übersetzerin eine immense Verantwortung habe, den ursprünglichen Schöpfer, Karl May, in korrekter Weise zu porträtieren und zu interpretieren.

»Vom Wilden zum Heiligen« ist entstanden wegen der Notwendigkeit, Karl Mays Chaos zu verstehen, denn das war es was ich fand, als ich versuchte die Stücke seines Puzzles zusammenzufügen. Das Schreiben des Werkes »Vom Wilden zum Heiligen« war sowohl eine logische Weiterentwicklung meiner Übersetzungsarbeit, als auch eine sehr persönliche Reise.
Karl May hielt mir einen Spiegel vor und fragte: Kannst Du mit meinem Chaos leben? Kannst Du meine Gedankenwelt respektieren? Kannst Du mich so wiedergeben wie ich wirklich bin? Kannst Du verstehen, was ich zu vermitteln versuche? Sobald ich die Fragen verstand, war es möglich, die Antworten zu finden. Ich war es, die ich antworten musste: »Leben IST Chaos. Ich möchte, dass meine Denkweise von jenen respektiert wird, die mich umgeben. Ich verabscheue es etwas vorzutäuschen, was ich nicht bin. Ich verachte es, falsch interpretiert zu werden!«

Diese und andere Fragen tauchten auf und, als ich Karl Mays Leben zurück verfolgte, Schritt für Schritt, ergaben sich auch die Antworten, manche mühelos, manche nach intensiver Erforschung des Seelenlebens. Es überrascht mich, wie oft ich auf mein Buch »Vom Wilden zum Heiligen« zurückgreife bei meiner Arbeit als Übersetzerin, etwa wenn ich mein Gedächtnis auffrischen möchte, was ein Detail angeht, sei es von geschichtlicher Bedeutung, sei es Teil eines Handlungsschemas oder eine biographische Angelegenheit. Ich habe, in dem Sinne, mein Ziel erreicht – einerseits habe ich ein lebendiges Werk kreiert mit »Vom Wilden zum Heiligen«, andererseits wurde die eingangs implizierte Frage damit beantwortet: »Warum löst Karl May solch tiefe und unbezweifelbar polarisierende Gefühle und Antworten aus?« Weil er ehrlich blieb, ungeachtet des fiktiven Gewandes seiner Parabeln!

»Vom Wilden zum Heiligen« bestätigte für mich ganz simpel, dass das Abenteuer, ein Buch zu schreiben einhergehen muss mit der Offenlegung der eigenen Seele, indem man ehrlich, man selbst ist; nur dann wird das Werk den Leser wirklich ansprechen! Ein Buch ist offensichtlich ein Mittel der Verständigung, ein Dialog, kein Monolog. Um Karl Mays Gefühle auszuborgen: ein Buch, von einem »zugeknöpften Verfasser« geschrieben, mag zwar ein wirtschaftlicher Erfolg sein, was die Verkaufszahlen anbelangt. Es wird aber keinen Geist, keine Seele haben. »Vom Wilden zum Heiligen« offenbart Karl Mays Seele als Winnetou: so verstehe ich Mays Werk, so interpretiere ich es. »Vom Wilden zum Heiligen« spiegelt auch meine geistige Haltung wider – und die ähnelt jener von Karl May.

Marlies Bugmann, Tasmania 2009 Australian Friends of Karl May

http://www.karl-may-friends.net/

Übersetzung: Walter-Jörg Langbein, Lügde 2009

Kommentare:

  1. Danke für die Background-Informationen. Ja, auch ich habe das Buch gelesen und kann mich nur anschließen!

    Reiner Boller, Deutschland

    AntwortenLöschen
  2. Thank you for your kind words, Reiner. I very much enjoy our 'Spurenlesen' along May's trails. I hope the journey will continue for as long and as far a-field as possible. It has become a way of life for me.
    Best wishes
    Marlies Bugmann
    Author, Savage To Saint, The Karl May Story

    AntwortenLöschen

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