Montag, 9. November 2009

Der Trinker, das kleine Mädchen und die Puppe


Als Erich die Haustür hörte und wenig später seine Frau und seine Tochter im Wohnzimmer erschienen, erhob er sich von der Couch. Der Versuch, ein paar Schritte Richtung Tür zu machen, scheiterte an seiner mangelnden Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten. Ehe er Gelegenheit hatte, sich an etwas Stabilem festzuhalten, stürzte er bereits zu Boden. Er versuchte zwar sofort, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht. In seinem Kopf drehte sich alles.

„Du bist bereits wieder bis oben abgefüllt!“, stellte Vera, seine Frau, mit mühsam unterdrückter Wut fest. „Was willst du eigentlich noch hier? Bei deinen Saufkumpanen bist du doch viel besser aufgehoben.“

„Ich bin dein Ehemann und außerdem der Vater unserer Tochter“, erwiderte er. Unter großer Kraftanstrengung und deutlich nach Atem ringend, gelang es ihm schließlich doch noch, sich zu erheben.

„Ehemann? Vater?“, spottete sie. „Ein Säufer wie du ist weder ein richtiger Ehemann noch ein guter Vater“, hielt sie ihm vor. Angewidert blickte sie ihm mit eiskalten Augen ins Gesicht, dass ihn fröstelte und er sich fragte, wo die warmherzige Frau geblieben war, in die er sich einst verliebt, die er geheiratet und mit der er ein Kind gezeugt hatte?

In ihm tobte ein heftiger Sturm unterschiedlicher Gefühle und Gedanken. Nie zuvor hatte ihn jemand derart gekränkt. Als wäre sein Kopf ein Resonanzkörper, jagten die Schwingungen von Veras harter Stimme durch seinen Schädel.

Die großen Augen seiner Tochter drangen in sein Innerstes, als sie ihn mit ernstem Gesicht ansah. An einer Sessellehne Halt suchend, beugte er sich nieder, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie wich ihm aber aus. Mit unbeweglichem Gesicht sagte sie nur: „Du stinkst.“

Die zwei Wörter seiner Tochter waren wie Messerstiche, und sie verletzten ihn mehr als der Ausbruch seiner Frau. Trotz und Wut stiegen in ihm auf. „Wenn ihr es so haben wollt, dann soll es mir recht sein. Ich brauche euch nicht“, brüllte er seine Frau an, verließ das Wohnzimmer und warf wütend die Tür hinter sich zu. Er griff nach seinem Mantel und nach seinem kleinen Rucksack und verließ das Haus.

***

Das alles lag jetzt bereits einige Monate zurück. Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und dachte an Sandra, seine kleine Tochter, und ohne dass er sich dagegen wehren konnte, dachte er auch an Vera. Tief im Innersten wusste er, dass Vera recht hatte. Was sollte sie mit einem Mann, dessen größte Liebe der Alkohol war? Sie brauchte einen verlässlichen Partner, der ihr beim Zusammenhalt der kleinen Familie half, insbesondere bei der Erziehung von Sandra. Ein Säufer, wie sie ihn genannt hatte, war keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Belastung.

Doch trotz dieser Einsicht fühlte er sich noch immer gekränkt. Dass sie ihn einen Säufer genannt hatte, sogar in Anwesenheit ihrer gemeinsamen Tochter, das konnte er nicht verwinden, vor allem konnte er es ihr nicht verzeihen, und er wollte es auch gar nicht. Offensichtlich genoss er es, in Selbstmitleid baden zu können.

Bald nach der Trennung von seiner Familie trennte sich auch sein Arbeitgeber von ihm. Da er kaum nüchterne Zeiten hatte, war es ihm auch noch nicht gelungen, einen neuen Arbeitsplatz als Bauingenieur zu finden.

Seine reichlich vorhandene Freizeit verbrachte er häufig im Park. Sein kleiner Rucksack und darin enthalten eine Flasche Weinbrand waren seine treuen Begleiter.

Er setzte sich in die Mitte einer Bank, lehnte sich zurück und legte beide Arme auf die Rückenlehne, als wollte er der Welt demonstrieren, dass es seine Bank sei.

Plötzlich kam ein kleines Mädchen angelaufen, stolperte und stürzte nur wenige Meter von ihm entfernt zu Boden. Es hatte sich offensichtlich verletzt, denn es saß auf dem Rasen und betrachtete weinend sein aufgestoßenes Knie. Er sprang auf und lief zu der Kleinen, um ihr zu helfen. Als sie jedoch seine Alkoholfahne roch, rief sie laut nach ihrer Mutter. Die Gerufene eilte sofort herbei. Zunächst warf sie einen kurzen Blick auf das verletzte Knie ihrer kleinen Tochter und schien beruhigt. Anschließend richtete sie ihren prüfenden Blick auf ihn und betrachtete ihn äußerst misstrauisch. Immerhin hätte er ja ein Kinderschänder sein können.

„Ich wollte nur helfen“, beteuerte er.

Ob sie ihm glaubte, ließ sie nicht erkennen. Allerdings klärte sie ihn über die Reaktion ihrer Tochter auf: „In unserer Nachbarschaft lebte ein Alkoholiker, der Kinder belästigte; deshalb reagierte Gudrun so negativ auf Ihren Duft nach Alkohol.“

Er schwieg und senkte den Blick.

„Als Alkoholiker sollten Sie sich von Kindern lieber fernhalten“, warnte sie ihn, „denn es gibt Mütter, die nicht argumentieren, sondern zunächst laut kreischen und dann zuschlagen“.

Sie wartete einen Augenblick. Vermutlich nahm sie an, er würde etwas antworten. Doch er schwieg weiterhin.

Dann wandte sie sich an ihre Tochter und fragte fürsorglich: „Kannst du schon allein aufstehen? Oder soll ich dir helfen?“

„Das kann ich schon allein“, behauptete die Kleine und wie zum Beweis erhob sie sich. Inzwischen weinte sie nicht mehr. Mutter und Tochter warfen noch einen kurzen Blick auf ihn, dann gingen sie weiter, und er kehrte zur Bank zurück.

Dass er als Alkoholiker mit einem Kinderschänder auf eine Stufe gestellt wurde, schockierte ihn. Er fand es sehr ungerecht. – Doch nachdem er einige Tage darüber nachgedacht hatte, warf er die halb volle Flasche in einen Abfallkorb und fasste den Entschluss, das Trinken aufzugeben.

***

Nach etlichen Monaten der Abwesenheit nahm er allen Mut zusammen und wagte sich wieder in die Nähe des Hauses, in dem er mit seiner Familie gewohnt hatte. Nun lebten dort seine Frau und seine Tochter ohne ihn. Während er aus einiger Entfernung das Haus beobachtete, öffnete sich die Tür, und ein fremder Mann kam heraus, gefolgt von der Frau, die auf dem Papier noch immer seine Frau war. Die beiden umarmten und küssten sich. Anschließend schritt er zu seinem Auto, und sie kehrte ins Haus zurück.

Sie sieht noch immer verdammt gut aus, dachte er. Für ihn war es jedoch zu spät. Er hatte sich augenscheinlich zu lange mit dem Alkohol abgegeben. Sein Platz in seiner früheren Familie war neu besetzt worden. Ihn wunderte nur, dass er damit gar keine Probleme hatte, er überdachte es, als ginge es nicht um ihn, sondern um völlig Fremde. Einzig die Erinnerung an seine Tochter Sandra stimmte ihn traurig.

Er löste sich vom Blick auf sein früheres Zuhause und lenkte seine Schritte in Richtung Park. Inzwischen war er für ihn zu einer Art von Zuflucht geworden. Als er dort ankam und sich gerade mit traurigem Gesicht auf einer Bank niederließ, kam eine Frau mit ihrer kleinen Tochter von zwei bis drei Jahren an ihm vorbei. Nachdem sie einige Meter weitergegangen waren, löste sich die Tochter von der Hand ihrer Mutter und ging zu ihm zurück, blieb kurz vor ihm stehen und überreichte ihm wortlos ihre Puppe. Anschließend kehrte Sie zu ihrer wartenden Mutter zurück. Beide gingen weiter.

Er war verwirrt und dachte über das ungewöhnliche Verhalten der Kleinen nach. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass seine Traurigkeit verschwunden war. Er betrachtete die Puppe. Sie hatte schon bessere Zeiten erlebt, zeigte sie doch bereits deutliche Spuren von häufigem Schmusen – dennoch fand er sie wunderschön. Er spürte, wie Hoffnung in ihn zurückkehrte.

Etwa zehn Minuten später kehrten Mutter und Tochter zurück und blieben vor ihm stehen.

„Ach Sie sind es!“, rief die Mutter plötzlich aus. „Wie geht es Ihnen?“

Jetzt erkannte er sie ebenfalls. Sie war die Frau, die ihm einige Monate vorher geraten hatte, sich als Alkoholiker von Kindern fernzuhalten, da Mütter für gewöhnlich keinen Spaß verstehen, wenn es um das Wohlergehen ihrer Kinder geht.

„Danke, es geht mir gut. Ich trinke nicht mehr“, versicherte er ihr.

„Ich weiß“, antwortete sie und lächelte.

„Sie wissen es – aber woher denn nur?“, fragte er verblüfft.

„Das ist kein großes Geheimnis“, antwortete sie, immer noch lächelnd, und fuhr dann fort, „Sie verwenden kein Eau de Cognac mehr.“

Jetzt musste sogar er etwas lächeln.

„Wie verbringen Sie jetzt eigentlich Ihre Zeit, seit Sie zu trinken aufgehört haben? Ich stelle mir vor, dass so ein Tag sehr lang werden kann, wenn man nichts zu tun hat.“ Sie sah ihn fragend an.

„Früher habe ich sehr gern gelesen, doch jetzt fehlen mir die Bücher. Sie stehen alle bei meiner Frau.“

„Und zu ihr möchten Sie nicht gehen, weil es Ihnen peinlich wäre – oder?“

„Das ist richtig“, bestätigte er.

Während des Gespräches ließ die Kleine kein Auge von ihm und der Puppe, sagte aber nichts. Als er sie jetzt aufmerksam betrachtete, hatte er die richtige Eingebung: „Ich danke dir von ganzem Herzen, dass du mir deine wunderbare Puppe geliehen hast. Das war sehr lieb von dir. Sie hat mir bereits geholfen. Nun möchte ich sie dir gern zurückgeben.“

Die Kleine freute sich, streckte einen Arm aus, nahm ihre Puppe entgegen und drückte sie gleich so innig an sich, als wäre sie eine Mutter, die ihr verloren gegangenes Kind wiedergefunden hat. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Mutter und Tochter waren im Begriff, ihn zu verlassen.

„Ist es denkbar, dass wir uns vielleicht einmal wiedersehen?“, platzte es aus ihm heraus.

Sie zeigte ein nachdenkliches Gesicht und schien in sich hineinzuhorchen. Mit einer Hand fasste sie an ihren Hinterkopf und schob ihr prächtiges Haar etwas aufwärts. – „Denkbar?“, wiederholte sie fragend, griff in ihre Handtasche und holte ein Buch hervor. Für einen Augenblick schien sie zu zögern, doch dann reichte sie ihm das Buch und erklärte: „Ich werde Ihnen dieses Buch leihen. Sobald Sie es ausgelesen haben, werden Sie sich wieder auf dieser Bank zeigen. Wenn ich dann vorbeikomme, können Sie mir das Buch zurückgeben.“

Erich betrachtete das Buch und war hocherfreut: „Danke, ich danke Ihnen sehr! Das ist ja Schuld und Sühne von Dostojewski, einem meiner Lieblingsdichter. Dieses Buch zu lesen versetzt mich zurück in eine glückliche Zeit, in der von Alkohol noch keine Rede war.“

„… oder in eine sehr schöne Zeit, in der von Alkohol nicht mehr die Rede ist“, ergänzte sie.

Er nickte und streichelte zärtlich über das Buch.

Sie wandte sich um und griff nach der kleinen Hand ihrer Tochter. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließen ihn Mutter und Tochter.

Er blickte ihnen nach, bis sie hinter der nächsten Wegbiegung von Büschen und Sträuchern verdeckt wurden. Dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.

Wolf-Gero Bajohr
November 2009

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