Sonntag, 15. November 2009

Abschied von der Osterinsel (1)

Teil V der Serie
»Das Atlantis der Südsee«
von Walter-Jörg Langbein    

Santiago de Chile im Oktober 1992. In Deutschland wurde gerade mein Buch »Die großen Rätsel der letzten 2500 Jahre« ausgeliefert. Ich war in Südamerika unterwegs. Am Vortag hatte ich die mysteriösen Scharrzeichnungen in der Atacama-Wüste Chiles erkundet. Rätselhaft ist der »Riese« vor vielen Jahrhunderten in den trockenen Wüstenboden gescharrt. In der Literatur wird seine Größe mal mit 80, mal mit 120 Metern angegeben. Wer hat die rätselhafte Gestalt mit Strahlen am Kopf – oder ist es eine Krone? – im »Unitas-Hügel« ( nordöstlich von Iquique) verewigt? In seiner Gesamtheit kann man die wahrscheinlich größte Darstellung eines menschenähnlichen Wesens nur vom Flugzeug aus sehen. Wurde das gewaltige Kunstwerk geschaffen, um den himmlischen Göttern ein Zeichen zu geben, eine Botschaft zu übermitteln?

Endlich sollte ein Jugendtraum Wirklichkeit werden. Ich würde die Osterinsel besuchen!
Es war gegen Mitternacht, als ich mit Lan Chile in Santiago de Chile landete. Zehn Stunden würde auf meinen Anschlussflug zur Osterinsel warten müssen. Eine Putzfrau fragte mich in einem Gemisch aus Spanisch und Englisch, ob ich denn kein Hotelzimmer hätte. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich am nächsten Morgen zur Osterinsel fliegen werde.

Wenig später führte sie mich zu einem Linienbus vor dem Flughafen. Sie redete auf den Fahrer ein. Der verstaute schließlich meinen Koffer hinter einer rostigen Klappe im Heck des angejahrten Vehikels. Und los ging die Fahrt ins Ungewisse. Nach etwa einer Stunde fahrt hielt der Bus in einem dörflichen Vorort von Santiago. Eine Haltestelle vermochte ich nicht zu erkennen. Der Busfahrer stieg aus, holte meinen Koffer und schleppte ihn über die Straße zu einer kleinen Pension. Ich folgte. Kein Licht brannte im Haus. Der Busfahrer klingelte Sturm. Und wartete. Er wartete, bis die »Herbergsmutter« geöffnet und mir ein höchst preiswertes kleines Zimmer zugewiesen hatte. Erst dann verabschiedete sich der hilfsbereite Mann Busfahrer freundlich grüßend und sagte etwas von »morgen«. Ein »Trinkgeld« lehnte er empört-beleidigt ab.

Am nächsten Morgen gab’s ein leckeres Frühstück... und dann erschien wieder der so besonders freundliche und hilfsbereite Fahrer des Linienbusses vom Vorabend. Er holte mich von der kleinen Pension ab. Am Flughafen angekommen achtete er darauf, dass ich auch mein Gepäck am richtigen Schalter aufgab. Solche Erlebnisse mit freundlichen Menschen habe ich auf meinen Reisen in ferne Gefilde unseres Planeten immer wieder erlebt. In Deutschland allerdings scheint derlei menschliches Entgegenkommen eher selten zu sein.

Stunden später war ich zum ersten Mal auf der Osterinsel. Ein Kindheitstraum war in Erfüllung gegangen! Es gibt ein modernes Kuriosum auf dem Eiland! Die Landebahn wurde vor Jahren verlängert – auf 3353 Meter. Als Erklärung musste Space-Shuttle herhalten. Falls es unmittelbar nach dem Start so eines Raumflugzeugs zu einer Panne kommen sollte... könne es auf der Osterinsel notlanden. Allerdings benötigt das Space-Shuttle eine noch weit längere Landepiste, nämlich von etwa fünf Kilometern. Somit wäre also die Osterinsel nicht wirklich für Space-Shuttle geeignet... wohl aber für amerikanische Kampfjets wie F-15. Sollte also der Hinweis auf »Notlandeplatz für Space-Shuttles« nur den wahren Grund für die für das Minieiland ansonsten vollkommen unsinnige Landebahn sein? Wollen die USA in den Weiten des Pazifiks so etwas wie einen Militärstützpunkt vorbereiten, der im Kriegsfalle in kürzester Zeit besetzt werden könnte?

Unbestreitbar ist die Osterinsel für Militärs von größter strategischer Bedeutung für Militärs. Rührt daher das erstaunliche Interesse Chiles an dem einsamen Eiland? Am 11. September 1973 kam General Pinochet durch einen grausamen Militärputsch an die Macht. Zigtausende Menschen wurden von seinem Geheimdienst als »verdächtige Elemente« eingestuft, Viele Tausende wurden grausam gefoltert. Unzählige Gegner der Diktatur verschwanden spurlos. Manches spricht dafür, dass die CIA beim Sturz Allendes beteiligt war. 2000 Regimegegner – oder mehr – sollen ermordet worden sein.

1988 sprach sich das Volk von Chile mehrheitlich gegen Pinochet aus. 1989 gewann Christdemokrat und Pinochet-Gegner Patricio Aylwin die Wahlen zur Präsidentschaft. Doch erst 1998 gab Pinochet sein Amt als Oberkommandierender der Armee auf. In London wurde der Exdiktator verhaftet und schließlich von spanischen Richtern wegen schlimmster Menschenrechtsverletzungen verurteilt. Eine Strafe musste er jedoch nicht antraten. Vielmehr konnte Pinochet aus Krankheitsgründen als freier Mann nach Chile heimkehren. Weil er aus gesundheitlichen Gründen verhandlungsunfähig erklärt wurde, wurde ihm kein weiterer Prozess gemacht. Pinochet starb, unbehelligt von der Justiz, am 10. Dezember 2006 nach schwerer Krankheit.

Bereits 1888 wurde die Osterinsel von Chile annektiert – aus militärstrategischen Gründen. Im Ersten Weltkrieg spielte sie eine bedeutende Rolle. Bis 1967 herrschte chilenisches Kriegsrecht! Bis 1967 waren die Bewohner der Osterinsel Gefangene im eigenen Land. Sie waren eigentlich Chilenen, denn das geheimnisvolle Eiland gehörte ja zu Chile. Demokratie und Selbstbestimmung waren Fremdworte für die Nachkommen der Statuenbauer. Ein von Chile eingesetzter Gouverneur war die höchste Autorität. Osterinsulaner durften nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Gouverneurs die Insel verlassen. Frei bewegen durften sie sich nicht. Um Hangaroa herum war ihnen ein kleines Areal zugewiesen worden. Ein hoher Zaun trennte sie vom Rest der Insel. Wachen achteten darauf, dass die Menschen ihr Gefängnis nicht verließen. Der Rest des Eilands blieb Tabu.

Auch heute gehört das mysteriöse Eiland nach wie vor zu Chile. Es dürften nicht die riesigen Steinstatuen sein, die für heutige Militärs von Interesse sind. Verschwörungstheorien geistern durch die Welt, die meisten sind absurd und unsinnig. Ob es ein Geheimabkommen zwischen Chile und den USA gibt, die militärische Nutzung der Osterinsel im Kriegsfall betreffend? So absurd ist diese Vermutung nicht!

Ich erkundete das einsamste Eiland der Welt. Staunend stand ich vor den riesenhaften Statuen. Einst hatten sie »eingelegte Augen« aus Muschelkalk. Im Lauf der Jahrhunderte fielen sie aus den Augenhöhlen. Nur einige wenige Exemplare wurden bei archäologischen Ausgrabungen wiederentdeckt. Einst trugen die Kolosse gewaltige steinerne »Hüte« oder »Helme« auf den Köpfen. Wie gewaltig diese merkwürdigen Kopfbedeckungen sind, verdeutlicht der Größenvergleich... »Hut mit Dame«.

Heute werden kleinere bis allenfalls mittelgroße Statuen wieder aufgerichtet. Man verwendet dazu moderne Technologie, etwa Baumaschinen wie Krane. Die Einheimischen allerdings sind skeptisch. Moderne Technologie kann leicht die uralten Kolosse beschädigen, etwa wenn eine Statue mit einem Kran und Stahlketten hochgezerrt werden soll.

Schwieriger als die berühmten Kolosse wieder aufzurichten ist es, ihnen ihre Kopfbedeckung erneut auf die Köpfe zu bugsieren... in luftiger Höhe. Es ist schon ein technisches Meisterwerk, die uralten Figuren wieder so empor auf die steinernen Sockel zu heben, dass sie nicht gleich wieder umfallen. Die steinernen »Kopfbedeckungen« müssen auf den Millimeter genau an der richtigen Stelle sitzen, sonst fallen die Figuren mitsamt »Hut« wieder um!

Wie riesig die roten »Zylinder« sind... das zeigt ein Foto: eine Osterinselbesucherin aus Deutschland vor einem der »Hüte«. Offenbar wurden zumindest manche der »Helme« mit einem tiefen Loch versehen, das genau auf einen steinernen Zapfen am Kopf der Riesen passte. So sollte gewährleistet sein, dass die Hüte auch auf den Köpfen blieben. Seltsamer Weise aber habe ich nicht einen einzigen Osterinselkoloss mit einem »Zapfen« am Kopf ausfindig machen können.

Die ersten europäischen Besucher der Osterinsel fanden vermutlich schon keine Monsterstatuen mehr auf ihren Sockeln stehend vor. Alle lagen am Boden. Waren die Kolosse einst in kriegerischen Auseinandersetzungen umgestoßen worden? Oder waren sie einst Naturkatastrophen – wie etwa Erdbeben – zum Opfer gefallen? Wie auch immer: Stolz auf Podesten stehende Riesen – wie etwa die steinernen »sieben Kundschafter« – sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme!

In grauer Vorzeit, so ist es überliefert, versank das »Atlantis der Südsee« in den Fluten. Der Priester des sterbenden Reiches wurde vom fliegenden Gott Make Make durch die Lüfte zur Osterinsel gebracht.. und zurück in die Heimat. Der König schickte sieben der besten Seefahrer los. Sie fanden die Osterinsel nach den Anweisungen des Priesters. Nach Rückkehr der sieben Kundschafter – sieben kolossale Statuen stellen die mutigen Männer dar – kam es zu einem Exodus in der Südsee: vom versinkenden Atlantis zur Osterinsel.

Wer wie ich wochenlang die Osterinsel nach den Spuren einer rätselhaften Vergangenheit abgesucht hat, gewinnt ein deprimierendes Bild. Die unzähligen Petroglyphen, die einst in das weiche Vulkangestein geritzt worden sind, befinden sich heute in einem traurigen Zustand. Man sollte sie auch heute noch wie ein Buch lesen können. Doch leider sind viele so gut wie nicht mehr zu erkennen! Besonders oft verewigt wurde offenbar ein mythischer »Vogelgott« oder »Vogelmensch«.

Viele, wenn nicht die meisten, sind kaum oder gar nicht mehr als von Menschenhand geschaffene Kunstwerke zu erkennen. Aber auch sehr viele Statuen befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Beim Sturz vom Podest sind nicht wenige von ihnen oft mehrfach zerbrochen. Der sprichwörtliche »Zahn der Zeit« nagt an ihnen. Nach und nach verlieren sie ihre Konturen, scheinen förmlich zu verrotten.

Manchmal, so scheint es, könnte man den einen oder den anderen maroden Steinriesen wieder rekonstruieren. Aber das wird ganz offensichtlich nicht versucht. Viele Bruchstücke werden in absehbarer Zeit wie formlose Klumpen aussehen. Sie werden nicht mehr zu imposanten Statuen zusammengesetzt werden können. Eigentlich müsste dieser Prozess doch zumindest aufgehalten werden können.

Wie es zur Beschädigung von Steinritzzeichnungen und Statuen kommt, ist hinlänglich bekannt: Das Tuffgestein, in das mythologischen Bilder eingraviert und aus welchem die Kolosse bestehen, ist sehr weich und vor allem porös. Zudem sind im Laufe der Jahrhunderte Risse entstanden. So konnte und kann Feuchtigkeit eindringen. Die Feuchtigkeit im Stein lässt – besonders bei den erheblichen Temperaturschwankungen – Schicht für Schicht abplatzen. Sollte es in den letzten Jahren einen Klimawandel gegeben haben, der den steinernen Kunstwerken mehr zusetzt als die Jahrhunderte zuvor?


Die weiteren Teile der Serie finden Sie hier:
Die Website von Walter-Jörg Langbein: http://www.2012-weltuntergang.com/

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