Freitag, 30. Oktober 2009

Was bedeutet uns Weihnachten?

Wer kann ein Buch lesen, ohne sich danach mit dem Inhalt auseinanderzusetzen? Wir stoßen auf die Frage, ob wir ähnlich gehandelt hätten wie der Protagonist. Hätten auch wir die Größe gehabt, dem Bösewicht zu verzeihen, oder hätten wir uns der Rache verschrieben? Nach dem Lesen der folgenden kleinen Weihnachtsgeschichte fragen wir uns vielleicht, was uns Weihnachten bedeutet.

Was bedeutet uns Weihnachten?

Stockdunkel ist die Nacht. Adam hält die Hand vor sein Gesicht. Es ist so dunkel, dass er sie nicht erkennen kann. Warum hat er nur diese Abkürzung genommen? – Dumme Frage, natürlich deshalb, weil er möglichst schnell nach Hause möchte. Schließlich ist es Heiligabend, und an solchen Tagen zieht es wohl jeden heimwärts. Es wäre ja auch alles gut verlaufen, wenn das Auto nicht gestreikt hätte. Ausgerechnet heute! – Ausgerechnet heute? – Warum nicht heute? – Für das Auto ist dieser Tag nicht besser oder schlechter als jeder andere. Ein besonderer Tag ist es doch nur für Menschen. Ein besonderer Tag? – Ja, das mag schon stimmen. Aber was macht ihn eigentlich zu einem besonderen Tag? Ein Grund ist sicherlich, dass es an diesem Tag jeden nach Hause zieht. Moment, das kann doch nicht sein, das ist ja wie die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Fahren alle nach Hause, weil es ein besonderer Tag ist, oder ist es ein besonderer Tag, weil alle nach Hause wollen? Sollte Letzteres zutreffen, stellt sich sofort die Frage, warum alle nach Hause fahren wollen. – „Jetzt verwirre ich mich selbst“, denkt Adam. Natürlich liegt es an Weihnachten, das steht doch schließlich fest. Weil Weihnachten ist, wollen alle nach Hause. Das wäre somit geklärt. – Geklärt? – Wirklich geklärt? – Ist es wirklich so?

Was bedeutet uns Weihnachten eigentlich? Es muss schon etwas Außergewöhnliches sein, wenn es alle dazu bringt, nach Hause zu wollen. Für die Römer war der fünfundzwanzigste Dezember der Geburtstag ihres Sonnengottes Sol. Auf diesen Tag legten im vierten nachchristlichen Jahrhundert die Christen Jesu Geburt. Christen glauben seitdem, die Heilige Nacht sei die Nacht vom vierundzwanzigsten auf den fünfundzwanzigsten Dezember und in dieser Nacht sei Gottes Sohn geboren. Wenn damit das Besondere erklärt sein soll, dann kann es Adam nicht nachvollziehen. Es gibt Ostern, Pfingsten und andere Feiertage, ohne dass es zu einer Völkerwanderung nach Hause kommt. Was ist an Weihnachten das Besondere? – Fragen wir Kinder, dann sind es die Geschenke, die aus Weihnachten etwas Besonderes machen. Erwachsene nennen die Möglichkeit, sich vom Stress zu erholen, in den sie nur deshalb geraten, weil sie sich auf Weihnachten vorbereiten, vor allem wegen der Jagd auf die letzten noch fehlenden Geschenke. Nein, entscheidet Adam, Weihnachten kann es nicht sein, es muss etwas sein, was über Weihnachten hinausreicht, etwas, was noch mehr Bedeutung hat als der Geburtstag eines römischen Gottes und der auf diesen Tag gelegte Geburtstag Christi. Es muss etwas sein, was bereits die Menschen berührte, die lange vor dem römischen Gott und lange vor Jesus Christus lebten.

Adam tritt im Dunkeln in eine Vertiefung, kommt ins Taumeln und verliert schließlich vollends das Gleichgewicht. Er stürzt und schlägt mit dem Kopf auf etwas Hartes, vermutlich ein Stein. Er verliert das Bewusstsein. Nach einer unbestimmten Zeit kommt er wieder zu sich. In seinem Kopf hämmert und pocht es. Er richtet sich auf. Mit dem rechten Fuß den Boden vorsichtig abtastend, steht er schließlich wieder auf der Straße. Er hebt den Blick und sieht in einiger Entfernung ein Licht. Ein wohliges Gefühl großen Glücks durchströmt seinen Körper, und plötzlich weiß er, was das Besondere hinter Weihnachten ist. Kraft durchströmt seine Glieder, er fühlt die Spannung in seinen Muskeln, dann setzt er seinen Weg entschlossen fort. Ihm ist, als sei die Dunkelheit nicht mehr ganz so dunkel wie zuvor. Ihn erfasst eine freudige Erregung, als er sich dem Haus mit dem erleuchteten Fenster nähert.

Bald darauf steht er vor der Eingangstür. Er klopft und wartet. Wenig später öffnet sich die Tür, und ein älterer Herr schaut Adam aufmerksam ins Gesicht. Adam will erklären, dass sein Auto liegen geblieben ist. Doch der ältere Herr winkt ab. „Kommen Sie erst einmal herein, Sie Armer, bei dieser Kälte müssen Sie ja völlig erfroren sein – und dann ausgerechnet am Heiligen Abend!“ Während Adam im Wohnzimmer etwas verlegen stehen bleibt, geht der freundliche Gastgeber auf eine Tür zu, öffnet sie und ruft: „Elfriede, wir haben einen Gast.“ Gleich darauf erscheint Elfriede, offensichtlich die Ehefrau des älteren Herrn. Sie schaut Adam mitfühlend an und ruft dann aus: „Sie Armer, bei dieser Kälte müssen Sie ja völlig erfroren sein –und dann ausgerechnet am Heiligen Abend!“ Adam ist verblüfft, es sind die gleichen Worte, die ihr Mann bereits gebraucht hat. Adam lächelt. „Ausgerechnet Heiligabend?“, geht es durch seinen Kopf. „Natürlich muss es dieser Abend sein, kein anderer kommt in Frage.“Wie immer, wenn er eine neue Erkenntnis gewonnen hat, durchströmt ihn ein wärmendes Glücksgefühl.

Jetzt weiß er, was das Besondere hinter Weihnachten ist. Wenn die Sonne sich so weit entfernt, dass den Tagen kaum noch Zeit bleibt, hell zu werden, wenn sich Herbst und Winter berühren und die Dunkelheit die Herrschaft antritt, dann stellt sich das Licht der Dunkelheit entgegen und erweckt die Hoffnung auf den Sieg des Lichtes. Das Licht erhellt, wo Finsternis ist, es wärmt den Frierenden und führt den Verirrten dorthin, wo ihn Hilfe erwartet.

Das Mensch gewordene Licht sagt über sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8,12.)

Weihnachten 2007
Wolf-Gero Bajohr


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