Freitag, 9. Oktober 2009

Mamas Dummkopf


„Wie schön du bist, Mama“, flüsterte er sanft in ihr Ohr und strich mit dem Zeigefinger eine herabhängende blonde Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Sie hatte das manchmal mit einer ungeschickten Bewegung, mit seinem viel zu langen Haar getan, wenn sie ihn hin und wieder bemerkte.

Dummkopf kniete wie so oft, vor ihrem Schreibtisch und streichelte liebevoll über die rot gefärbte Bluse. Der metallische Geruch, der ihr entströmte, mischte sich mit dem Duft des kalten Schweißes der Mutter. Gierig sog er den Augenblick ein. Das Blut auf dem Schreibtisch fühlte sich noch warm an und färbte seine Finger rot, als er ein Herz hineinmalte.

Nie zuvor hatte er sich so glücklich gefühlt in ihrer Nähe. Ein entspanntes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Sanft strich er mit den Fingerknöcheln über die bleichen Wangen der Mutter. Wie friedlich sie war. Endlich einmal. Und wie still es war, jetzt, wo der PC nicht mehr lief. Sein Atem ging tief ein und aus. Dann stand er auf, schaute sich noch einmal im Zimmer um. Ein letztes Mal wollte er sich alles genau einprägen.

„Ich gehe jetzt Mama“, sagte er langsam und wandte sich noch einmal ihrem friedlichen Gesicht zu. „Da draußen sind noch viele kleine Dummköpfe, die ich befreien kann. Auch sie haben schöne Mütter, in deren Körper böse Säfte fließen.“ Langsam stand er auf, griff ehrfurchtsvoll nach dem blutverschmierten Küchenmesser, das neben ihrer Kehle lag, und wischte es an seinem Hosenbein sorgfältig ab.

Plötzlich verschwand sein Lächeln aus seinem Gesicht, er riss ihren Kopf an den Haaren von der Tastatur hoch, streng sah er sie an und hart klang seine Stimme: „Nein, Mama, du kannst es nicht behalten! Ich brauche es noch für die anderen!" Zum ersten Mal widersprach Mama ihm nicht. Sanft legte er den Kopf zurück auf die Tasten, die ihr alles bedeutet hatten.



Er steckte das Messer in die Innentasche seiner Jacke, ging zur Tür, öffnete sie und verließ die Wohnung ohne sich noch einmal umzusehen. Groß fühlte er sich. Und stark. Unbesiegbarkeit hatte sie ihm geschenkt. Er hatte Mama befreit von dem Gift, das in ihren Adern floss. Er war ihr Held. Endlich einmal hatte sie nicht geschimpft. Er hatte alles richtig gemacht! Er war nicht mehr der kleine Dummkopf. Heute war er erwachsen geworden. Ein starkes Glücksgefühl durchflutete seinen Körper und ihm war, als schwebte er beim Gehen über der Straße, so leicht und froh fühlte er sich.

© gcroth
© Urheber der Bilder im Video www.chrispeters.com

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