Samstag, 3. Oktober 2009

Kindern ein Buch vorlesen - Einmaleins Walpurgisnacht!

"Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens!", hört man immer wieder munkeln. Diese alte Volksweisheit hat leider ihre Berechtigung. Dabei sollte doch alles ganz anders sein: Fast alle Kinder, die ich kenne, sind beseelt von freudiger Erwartung ihres ersten Schultags. Da wird schon Monate vorher gebettelt:
"Mama, wann kaufen wir denn jetzt die Schultüte?", oder es wird gefragt: "Papa, was krieg ich denn für einen Schulranzen?"

Dann ist er da: Der lang ersehnte, allererste Tag. Schon um fünf Uhr ist das Kind natürlich hellwach und steht mit glänzenden Augen da.
"Fahren wir bald in die Schule?"
Ja, da steht ein junger Mensch, der sich auf das Neue freut. Der sich nichts sehnlicher wünscht, als sein wachsendes Gehirn durch spannende Inhalte herausfordern zu lassen.

Zeitsprung. Ein Jahr später. Der erste Tag nach den Sommerferien, Eintritt in die zweite Klasse.
"Komm, Schatz, zieh Dir jetzt die Jacke an!"
"Ooooch, wir haben doch noch Zeit ...", kommt die gelangweilte Antwort, ergänzt durch einen tiefen Seufzer.
Was genau ist innerhalb dieses einen Jahres passiert, das die Begeisterung in derartige Gleichgültigkeit (oder gar Abneigung) hat umschlagen lassen?

Gut. Die Schule ist jetzt nicht mehr neu. Man kennt das nun alles: Den inzwischen 8 kg schweren Schulranzen, den man jeden Tag in den Schulbus wuchten und von der Bushaltestelle zur Schule hinschleppen muss. All die langweiligen Vorträge, die man über sich ergehen lässt. Das ewige Ausmalen von Arbeitsblättern. Jeden Tag das gleiche, seelenlose Gewühle in Papier. Und die 25-30 Leidensgenossen, mit denen gemeinsam man die Zeit nun verbringt, bewegungslos eingezwängt und immer ein wenig lustlos. Und die Phantasie? Die ist schon lange in Urlaub gegangen. Zeitpunkt der Rückkehr ist ungewiss.




Ein gewisser Grauschleier hat sich über das Leben gelegt. Der von jetzt ab mit jedem Jahr ein wenig dichter, ein bisschen undurchdringlicher, ein Quentchen schwerer werden wird. Das junge Leben ist nun nicht mehr makellos. Wie durch eine stumpfe Fensterscheibe betrachtet man plötzlich die Welt. Und alles glotzt irgendwie mit hohlen Augen zurück.

Nicht, dass man die Schule direkt hassen würde. Nein. So weit ist es noch nicht. Das kommt später. Aber irgendetwas fühlt sich ganz und gar nicht richtig an. Plötzlich reden die Erwachsenen so komisches Zeug:
"Ob er wohl den Sprung aufs Gymnasium schaffen wird? Bald gibt es die ersten richtigen Noten! Das ist die Stunde der Wahrheit!", murmelt Mama hinter vorgehaltener Hand, und Papa raunt, ebenso leise:
"Er muss es einfach schaffen. Was soll sonst aus unserem Jungen werden? Im Notfall kriegt er halt Nachhilfeunterricht!"
Ja, der Ernst des Lebens kriecht durch alle Mauern. Und fühlt sich lähmend an.

Um das Erringen von Wissen, das wird dem Kind schnell klar, geht es jetzt nicht mehr. Sondern um Noten. Um das Bestehen im Rat-Race. Plötzlich schielt man schon mal auf das Arbeitsblatt des Banknachbarn. Hat der die Blümchen am Rand etwa schöner ausgemalt als ich? Und die Streberin vor mir, wieso wird immer die gelobt und ich nie? All das macht Angst. Wie subtiles Gift fließt sie durch die Adern, und der Bauch grummelt manchmal so komisch. Und Kopfschmerzen. Zum Zerreißen. Und ein wenig zittrig fühlt man sich auch. Müde und nervös.
Das ist das Grundgefühl, mit dem bereits Grundschüler heute durchs Leben gehen. Und wir Erwachsenen? Wir sehen das natürlich. Und wir schämen uns nicht einmal dafür.

In östlicheren Gefilden spricht man von der "Buddhaschaft eines Kindes". Jeder, der ein Kind großgezogen hat, dürfte diesen Ausspruch nachvollziehen können: Sein Lächeln war vollkommen. Und ein Leuchten ging von diesem kleinen Wesen aus. Im Schlaf kündeten tiefe, zufriedene, gleichmäßige Atemzüge davon, dass hier jemand atmete, dessen Geist frisch war wie neu gefallener Schnee. Noch völlig unberührt von den Krankheiten der Welt. Und das "Lernen", das ging blitzschnell, in dieser Zeit. Dabei wusste das Kind nicht einmal, dass es "lernt". Und dennoch konnte es plötzlich laufen. Sprechen. Oder sich alleine anziehen.




Erst in der Schule schien es plötzlich anders zu werden. Anstelle freudvoller Entdeckung der Welt rückte nun die Notwendigkeit, eine bestimmte Leistung in einer vorgegebenen Zeit vollbringen zu können. Und das vollkommene Lächeln wich plötzlich einem gequälten Zug. Was vor Schuleintritt ein Leichtes gewesen wäre: Das Lernen von 26 Buchstaben und 10 Ziffern sowie der Umgang damit, gestaltete sich plötzlich schwierig.

Oder nehmen wir das Kleine Einmaleins: Das Kind starrt auf eine Tabelle und versucht verzweifelt, den Inhalt möglichst schnell zu verinnerlichen, damit die Langeweile ein Ende haben möge. Oder es verweigert sich ganz.

Kinder, denen schon im Vorschulalter viel vorgelesen wurde, haben es leichter
Wer seinem Kind von Anfang an oft vorliest, der schafft gute Grundlagen für das ganze Leben. Der Zugang zur Sprache wird wesentlich erleichtert. Beschränkt sich die Alltagskommunikation doch meist auf einige hundert verschiedene Wörter, wird der Wortschatz durch das Vorlesen wesentlich erweitert. Zudem wird die Lust, mal ein Buch zu lesen, bereits in diesem frühen Alter angelegt und bleibt dann, mit etwas Glück, ein Leben lang erhalten.Nicht zu unterschätzen ist auch die vertrauensvolle Bindung zwischen Eltern und Kind, die entsteht, wenn die Erwachsenen sich für das Vorlesen Zeit nehmen und diese Zeit auch selbst genießen.

Ein Buch vorlesen - Vorlesen kann noch viel mehr!

Wenn man sich nun entschließt, seinem Kind vorzulesen, dann steht man vor der Frage: Was soll ich ihm denn vorlesen?
Meiner Meinung nach sind Märchen hier immer die erste Wahl. Und zwar nicht die moderne, weichgespülte Variante, die das Schwarze zum Dunkelgrauen und das Weiße zum Hellgrauen macht. Nein! Märchen in ihrer Urform bilden das Leben in archetypischer Weise ab und sind ein erster Schritt zur Einweihung in seine Geheimnisse. Auch und gerade, wenn man sich mit weniger angenehmen Inhalten auseinandersetzen muss. Die dunkle Seite des Lebens wird auf diese Weise integriert, ohne dass der junge Mensch dies dann mit 17 Jahren in Form von Ballerspielen nachholen müsste.

Wenn das Kind dann genug von den Märchen hat, wird es nach anderen Büchern verlangen. Hierzu ist zu sagen, dass man bei deren Auswahl ebenfalls sehr sorgfältig vorgehen sollte. Einige neuere Vorlesebücher für Vorschulkinder bilden weniger die Bedürfnisse der Kinder ab, sondern spiegeln die Vorstellungen des Zeitgeistes darüber, was "kindgerecht" sei, wider. Dadurch liefern sie ein Zerrbild. Sind nicht kindlich, sondern kindisch. Kommen nicht fröhlich, sondern infantil daher. Verderben vorzeitig die Sprache duch den inflationären Gebrauch von Wörtern wie "cool" oder "krass".

Unbenommen: Die Sprache entwickelt sich weiter. Schlägt neue Wege ein. Und integriert bisher ungebräuchliche Ausdrücke. In jeder Generation aufs Neue. Wenn diese Ausdrücke aber auf jeder Buchseite und immer wieder daherkommen, dann muss man davon ausgehen, dass dies kein organisches Wachstum mehr ist, sondern reine Anbiederung an eine "Zielgruppe".

Dem Gehirn ist es egal, was es aufnimmt
Ein sich entwickelndes Gehirn unterscheidet erst einmal nicht, WAS es aufnimmt. Es saugt alles, was Sinne, Geist und Seele an Eindrücken sammeln, wie ein trockener Schwamm auf und speichert es getreulich ab. Wenn ein vorgetragener Text nun lautet:

Giggel Gaggel
Wickel Wackel
Ene Mene
Muh!,

dann wird er genauso sicher aufgenommen, wie wenn er lautet:

"Sechsmal sechs ist sechsunddreißig!,
Rufe ich laut aus,
Lieber einen Raben fänd' ich,
Als 'ne tote Maus!"

Das zweite Beispiel stammt aus meinem Buch "Einmaleins Walpurgisnacht! - Rechnen ist (k)eine Hexerei", in welchem ich das gesamte Kleine Einmaleins in Reimform gesetzt und in ein heiteres Walpurgisnachttreffen verpackt habe.

Denn: Wenn ein Kind sich sowieso alles merkt, dann finde ich es sehr nützlich, ihm Inhalte zu bieten, statt Schwachsinn zu transportieren. Eben zum Beispiel das Kleine Einmaleins.

Spätestens in der zweiten Klasse, wenn das Kleine Einmaleins dann Schulstoff sein wird, wird das Kind sich mit einem entspannten Lächeln zurücklehnen können, da es sich mit den Tabellen nicht weiter wird beschäftigen müssen.
Dann wird es stattdessen zurückdenken an die schönen Vorlesestunden mit Mama, Papa und dem Hexenbüchlein. Und ein kleines Leuchten wird über sein Gesicht gehen, das an seine frühere Buddhaschaft erinnert.

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