Montag, 5. Oktober 2009

Fliegende Untertassen in Hamburg

„Was hältst du von fliegenden Untertassen? Wie stehst du dazu? Glaubst du daran?“, fragte mich neulich Siegfried Müller.

„Wie kommst du auf diese Fragen?“, antwortete ich ausweichend.

„Auf diese Fragen komme ich, weil ich wissen möchte, ob du an fliegende Untertassen glaubst. Oder gehörst du zu denen, die alle Berichte über fliegende Untertassen für Hirngespinste geltungssüchtiger Zeitgenossen halten?“

„Wenn du fragst, ob ich daran glaube, dann ist meine Antwort: Nein, ich glaube nicht daran. – Wenn du jedoch wissen willst, ob ich fliegende Untertassen für denkbar halte, dann antworte ich: Ja, für denkbar halte ich sie, allerdings für äußerst unwahrscheinlich.“

„Was würdest du über mich denken, wenn ich dir versichere, dass ich vor wenigen Tagen fliegende Untertassen sehen konnte?“

„Wo war das, und zu welcher Tageszeit konntest du sie beobachten?“

„Stell dir vor, es war heller Tag, und ich beobachtete sie nicht nur, Gudrun wurde sogar von einer fliegenden Untertasse leicht am Kopf verletzt.“

Siegfried und Gudrun waren keineswegs verrückte Spinner, die sich unbedingt wichtig machen wollten, sie waren uns vielmehr als ein ernsthaftes Paar bekannt. Wenn sie daran festhielten, sie hätten fliegende Untertassen beobachtet, dann war das nicht einfach als Spinnerei abzutun, dann hatte es zumindest einen wahren Kern.

„Wenn du behauptest, du hättest fliegende Untertassen in Hamburg gesehen und Gudrun hätte sogar eine leichte Kopfverletzung davongetragen, dann gehe ich davon aus, dass ein Körnchen Wahrheit in der Geschichte enthalten sein muss. Ich weiß, dass du kein Mensch bist, der mit erfundenen Geschichten Aufsehen erregen möchte. Deshalb bin ich inzwischen überzeugt, dass du selbst auf jeden Fall an die fliegenden Untertassen glaubst, vermutlich gilt das auch für Gudrun.“

„Danke für dein Vertrauen, aber wir brauchen es nicht zu glauben, wir wissen es, denn wir haben sie auf dem Nachbargrundstück gesehen, und – wie bereits erwähnt – Gudrun wurde sogar leicht verletzt.“

„Darüber hinaus haben sie euch keine weitere Verletzung zugefügt, ist das richtig?“

„Ja, das ist völlig richtig.“ „Warum flogen die Untertassen ausgerechnet auf dem Grundstück eurer Nachbarn? Hast du dafür eine Erklärung?“, fragte ich ihn, inzwischen tatsächlich etwas neugierig geworden.

„Genau das haben wir uns auch gefragt.“

„Und was habt ihr euch geantwortet?“

„Die Antwort liegt so nahe, dass man sie leicht übersieht.“

„Nun mache es bitte nicht zu spannend, Siegfried!“

„Also gut, dann lüften wir einmal das Geheimnis …“, versprach Siegfried und legte eine Pause ein.

„Bitte nicht nur versprechen, das Geheimnis zu lüften, es bitte auch tun!“, drängte ich ihn nun.

„Ich soll also das Geheimnis preisgeben?“

„Jetzt übertreibe es mit der Geheimniskrämerei aber nicht!“ Inzwischen war ich schon etwas ungehalten.

„Du hast recht, das Geheimnis muss irgendwann preisgegeben werden, und hier kommt die Erklärung: Unsere Nachbarn haben es versäumt, rechtzeitig ein Buch zu lesen.“

„Das ist jetzt aber ein Scherz – oder?“

„Es sollte kein Scherz sein. Hätten sie das Buch rechtzeitig gelesen, wären auf ihrem Grundstück keine Untertassen geflogen.“

„Wie kannst du da so sicher sein? – Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich das nicht, dass ein Buch vor fliegenden Untertassen schützen soll.“

„Das verstehe wiederum ich nicht, dass du das nicht verstehst, schließlich hast du doch selbst ein solches Buch geschrieben.“

„Jetzt willst du mich aber zu Besten haben. – Ich sollte ein Buch geschrieben, das gegen fliegende Untertassen schützt? Müsste ich das nicht wissen?“

„Eigentlich solltest du es wissen, das finde ich auch."

„Da reisen die Aliens durch das Weltall und tauchen nach langer und strapaziöser Reise hier auf und sollen sich dann von einem Buch verjagen lassen?“

„Wie kommst du auf das Weltall? Die fliegenden Untertassen kamen keineswegs aus dem Weltall, sondern aus einer Porzellanmanufaktur. Sie gehörten zu einem Service, das bei unseren Nachbarn im Schrank aufbewahrt wurde. Als unsere Nachbarn in Streit gerieten, begann die Frau mit Untertassen zu werfen. Eine dieser geworfenen Untertassen streifte Gudrun, als sie vorsichtig nachschauen wollte, was bei unseren Nachbarn los war.“

„Du Scherzbold, zum Schluss war ich fast so weit, dass ich an die fliegenden Untertassen glaubte. Du erkennst daran, wie groß mein Vertrauen zu dir und deinen Worten ist.“

„Ja, ich sehe es, und dafür danke ich dir.“

„Unbeantwortet ist immer noch die Frage, inwiefern ein Buch von mir gegen diese fliegenden Untertassen helfen soll.“

„Jetzt wundere ich mich aber, denn so lang ist doch deine Leitung sonst nicht. – Also ganz langsam zum Mitschreiben: Hätten unsere Nachbarn rechtzeitig dein Buch Ansichten eines gutwilligen Mannes gelesen, wäre es vermutlich gar nicht zum Streit gekommen und damit wären auch keine Untertassen geflogen.“

„Meine Leitung war tatsächlich etwas lang“, räumte ich ein.

Wolf-Gero

Wolf-Gero Bajohr: Ansichten eines gutwilligen Mannes

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