Sonntag, 4. Oktober 2009

Die Monsterbauten der Südsee

Das Atlantis der Südsee – Teil 1: Die Monsterbauten von Nan Madol
(Eine Serie von Walter-Jörg Langbein)


Die Tsunamis von Samoa haben schreckliche Verwüstung hinterlassen. Viele Menschen wurden getötet. Die gesamte Habe von sehr viel mehr Menschen wurde vernichtet, vom Meer verschlungen. DPA: »Zwei schwere Erdbeben innerhalb von nur 24 Stunden haben im Südseeparadies Samoa und auf der indonesischen Insel Sumatra viele Todesopfer gefordert und verheerende Verwüstungen angerichtet.« Die beiden Erdbeben verursachen schlimme Killerwellen, die das Meer aufwühlten und gewaltige Wellen auftürmten. Erst berichteten die Medien über angeblich nur einige wenige Opfer. Bald wurden »Hunderte« von Toten befürchtet. Dann hieß es, man müsse wohl die Zahl der Menschen, die ums Leben kamen, anheben. Sollten »mehr als Tausend« oder gar »Tausende« umgekommen sein? Die genaue Zahl wird man wohl nie erfahren.

Überlebende schildern die Wucht und die Schnelligkeit der Killerwellen. Palanitina Toelupa, die Verwaltungschefin im Gesundheitsministerium von Samoa: »Einige Leute haben versucht, sich mit dem Auto in Sicherheit zu bringen, und die Wellen rissen die Wagen weg! Es ist herzzerreißend.«

Wendy Booth, Chefin der Touristen-Anlage »Sea Breeze« an der Südküste, berichtete im australischen Radiosender »Fairfax Radio Network«, was sie erlebt hat: »Die zweite Welle traf uns durch den Fußboden. Das Wasser rauschte zur Hintertür hinaus und riss uns mit! Wir konnten uns an einem Geländer festhalten, mein Mann und ich klammerten uns aneinander. Der Sog zurück Richtung Meer nach der Welle war gigantisch. Die Kraft des Wassers riss unsere Einrichtung durch das Dach!«

Ein Bild des Grauens bot sich der Journalistin, die als eine der ersten an den Strand von Samoa kam. Tote steckten in dicken Schlammschichten oder in Sanddünen, wo wenige Stunden zuvor Badende das Südseeidyll genießen konnten.

Während immer höhere Zahlen von Todesopfern kursieren, erheben Wissenschaftler mahnend ihre Stimmen. Der Seismologe Kerry Sieh von der »Nanyang University«, Singapur, sieht die Flutwellen unserer Tage als Vorboten für weit schlimmere Kataklypsen. Der Wissenschaftler rechnet mit einem Beben im Bereich 8,8. Was bedeutet das? Killerwellen von zehn und mehr Metern Höhe würden ausgelöst. Innerhalb von wenigen Minuten könnten Hunderttausende von Menschen sterben! In Pedang, Sumatra, leben mehr als 200.000 Menschen in einem schmalen Küstenstreifen. Sollte es zu einem Megatsunami kommen, werden die meisten dieser Menschen umkommen: Die Straßen sind als Fluchtwege nicht geeignet. Sie sind viel zu schmal, um den Menschenmassen einen Ausweg in höhere Regionen zu ermöglichen. Evakuierung innerhalb von Minuten ist unmöglich... und mehr als Minuten werden nicht zur Verfügung stehen.

Vor Sumatra ächzt die Erde. Die ozeanische Erdeplatte schiebt sich unter die Sundaplatte... unter der Südsee. Gewaltiger Druck baut sich auf. Es entstehen Brüche. Urplötzlich kann die Erdplatte um zehn und mehr Meter absacken: und das innerhalb weniger Sekunden. Ist die Südsee von einer gewaltigen Apokalypse bedroht? Seit Jahren treten verstärkt Brüche auf. Die Apokalypse ist vorprogrammiert.

Seismologe Sieh ist pessimistisch. Er sieht in den Beben unserer Tage Warnungen vor Schlimmerem, sehr viel Schlimmerem. Der Wissenschaftler beschreibt die bisherigen Katastrophen mit einem Riss in der Windschutzscheibe eines Autos. Jederzeit kann sie platzen. In der Südsee bildet sich schon seit Jahren so ein »Riss«. Jederzeit ist eine gewaltige Katastrophe möglich. Und es gibt Wissenschaftler, die die wirkliche Apokalypse für überfällig halten!

So entsetzlich die Geschehnisse auch sind... schließlich steht der Tod jedes einzelnen Opfers für eine menschliche Tragödie: Weit schlimmere Katastrophen sind jederzeit möglich. Weit schlimmere Unglücke suchten die Südsee schon in der Vergangenheit auf. Im Dezember 2004 löste ein Seebeben vor Sumatra der Stärke 9,2 einen Tsunami aus. 230.000 Menschen wurden getötet. Vor Jahrtausenden spielte sich in der Südsee eine Apokalypse ab, die einen Kontinent im Meer versinken ließ: das Atlantis der Südsee! Gab es Millionen von Opfern? Und wird es bei der nächsten Katastrophe Hunderttausende oder gar Millionen von Opfern geben?

»Atlantis« lag, glaubt man dem Historiker Platon (427 bis 347 v. Chr.), im Atlantik. »Atlantis« wurde zum Inbegriff für einen totalen Kataklysmus als Folge menschlicher Überheblichkeit. Weniger bekannt ist, dass es einst auch im fernen Pazifik ein großes Weltreich gegeben haben soll, das wie Atlantis in den Fluten des Meeres versank. Diesem Atlantis der Südsee widme ich mich schon seit mehr als drei Jahrzehnten: beim Quellenstudium und auf Reisen in die Südsee. Es sieht so aus, als ob noch heute deutliche Spuren dieser versunkenen Welt zu finden sind. Wo?

»Pohnpei« – auch »Ponape« geschrieben – gehört zur Inselgruppe der Karolinen. Touristen verirren sich nur selten in diese weit abgelegene Region der Südsee. Manche kommen, um im glasklaren Wasser zu tauchen. Erstaunt stellen sie dann fest, dass es eine echte archäologische Sensation gibt! Dabei gibt es doch wirklich Phantastisches zu besichtigen: so etwas wie das »achte Weltwunder«. Auf künstlichen Inseln wurden gigantische Bauten errichtet.. aus gewaltigen Steinsäulen, mit meterdicken Mauern. Warum wurde in der fernen Südsee so gigantisch gebaut? Warum setzte man unvorstellbare Mengen an massivem Stein ein und nicht Holz, das so üppig wächst? Warum schichtete man kolossale Steinsäulen im Blockhüttenstil aufeinander.. und nicht das im Übermaß vorhandene Holz? Welchem Zweck dienten einst die Monstermauern von Nan Madol? So manchen Tag habe ich das Geheimnis von »Pohnpei« vor Ort zu ergründen versucht. Und so manches Mal dachte ich bei mir: »Könnte man nur die kolossalen Ruinen wie ein Buch lesen!«

Die Anreise aus Europa ist schon eine Strapaze, und das trotz modernster Transportmittel. Meine Flugroute: Hannover - Frankfurt - Newark/ New York - Honolulu/ Hawaii - Johnston Island - Majuro - Kwajalein - Kosrae - Pohnpei. Für den »einfachen Weg« müssen - und das bei günstigen Flugverbindungen! - drei oder vier Tage einkalkuliert werden. Bei der Reiseplanung muss darauf geachtet werden, für die jeweiligen Zwischenstationen ausreichend Zeit einzuplanen. Verpasst man bei einem Zwischenaufenthalt den Anschlussflug, kann das mehr als ärgerliche Folgen haben. Dann sitzt man tagelang irgendwo fest... Aber die rund 22 000 Flugkilometer lohnen sich für jeden, der sich für die großen Geheimnisse unseres Planeten interessiert! »Pohnpei« mit den zyklopischen Monsterbauten von »Nan Madol« ist wirklich eine Weltreise wert!

Ist man erst einmal nach einer wirklichen Weltreise in Kolonia, der Hauptstadt »Pohnpeis«, angekommen, hat man das eigentliche Reiseziel immer noch nicht erreicht: die Monsterruinen der steinernen Geisterstadt »Nan Madol«. Sie sind schon in greifbare Nähe gerückt... und immer noch einige Strapazen entfernt. Man muss vom Minihafen von »Pohnpei« zeitlich so aufbrechen, dass man sein Ziel erreicht, so lange die Flut noch hoch steht. Die Rückfahrt wiederum kann nur bei Hochflut angetreten werden. Sonst kann man die seichten Meeresuntiefen um »Nan Madol« nicht passieren. Die Ruinen sind aber ein sprichwörtlich weites Feld. Man könnte Wochen, ja Monate in ihnen verbringen.

Entsetzen löste mein Vorschlag aus, vor Ort zu übernachten, um so mehr Zeit in den Ruinen verbringen zu können. Das sei vollkommen unmöglich, so wurde mir beschieden. Auf intensives Nachfragen gab es keine Ausflüchte, sondern eine klare Antwort: Bei Nacht werden die mysteriösen Ruinen von den Einheimischen gemieden. Es soll in den uralten Bauten nämlich spuken! Und selbst die, die sich für modern und nicht abergläubisch halten, wiegeln ab. Wer weiß, welche Naturkräfte unbekannter Art »Nan Madol« zu einer Gefahrenzone machen.
Immer wieder wird auf den Archäologen Victor Berg verwiesen. 1907 führte er in den Ruinen archäologische Ausgrabungen durch. Obwohl ihn kundige Einheimische immer wieder warnten, ließ er nicht von seinen Vorfahren ab. Er soll die Gebeine des legendären Königs Iso Kalakal entdeckt haben. Die Bewohner von »Pohnpei« sehen weniger die wissenschaftlichen Erkenntnisse, nach denen der Gelehrte suchte.. als die Grabschändung und die Störung der Totenruhe. Victor Berg starb kurz darauf aus »ungeklärten Gründen«.

Die Boote, mit denen man »Nan Madol« erreichen kann, bieten keinerlei »Luxus«. Eigentlich fehlen ihnen Selbstverständlichkeiten... zumindest nach unserem Geschmack. Aber Touristen verirren sich so oft nicht in jene Gefilde der Südsee. So lohnt offenbar die Anschaffung bequemer Boote nicht. Gewöhnlich sind es alte hölzerne Fischerkähne mit museumsreifen Außenbordmotor. Ausrangierte Kähne wurden notdürftig umgerüstet. Das eine oder andere »modernere« Gefährt ist schon aus Kunststoff gefertigt, hat aber auch keine Sitze. Man hockt auf dem Boden und spürt jede Welle als einen kräftigen Schlag gegen den Allerwertesten. Wasser schwappt am Boden des Bootes hin und her. Öl- und Benzinaugen schwimmen auf dem Wasser im Rumpf des Bootes.

Immer wieder brechen Regenschauer über den neugierigen Erforscher des Geheimnisvollen herein. In unregelmäßigen Abständen brechen große Wellen über dem Reisenden zusammen, der zudem im Wasser sitzt. So ist er von oben wie von unten durchnässt. Aber Hand aufs Herz: So wird eine Südseereise erst wirklich abenteuerlich. Auf die Nässe folgt Sonnenhitze. Die Kleidung trocknet, Sonnenbrand breitet sich aus.

Ich erinnere mich sehr gut an meine erste Fahrt zu den Ruinen. Das schlimme Schlingern und Schaukeln ließ bei mir Übelkeit aufkommen. »Geht’s nicht etwas weniger strapaziös?« fragte ich schüchtern meinen tüchtigen Guide, Lihp Spegal. Nachsichtig erklärte er mir: »Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste: Man fährt langsam aufs Meer hinaus. Dann spürt man wirklich jede einzelne Welle und wird durch das dauernde Auf und Ab auf den hohen Wellen seekrank. Die zweite: Man fährt so schnell es geht. Dann fliegt man förmlich über die Wellen dahin. Aber fast jede schlägt kräftig gegen den Boden des Boots. Man wird also tüchtig durchgeschüttelt!«

Hoffnungsvoll entschied ich mich für Variante II. Stundenlang wurde ich kräftig durchgeschüttelt. Mit einem Arm umklammerte ich meine Fotoausrüstung, mit dem anderen hielt ich mich so gut wie möglich fest. Die angeblich sanftere Variante II war wirklich sehr hart. Wie mochte dann wohl die »schlimmere« Variante I aussehen? Ich verzichtete darauf. Auch nahm ich es hin, dass Lihp Spegal recht unbekümmert mit einer glimmenden Zigarette im Mund dann und wann aus einem Kanister Benzin nachfüllte. Auf meine ängstlichen Blicke reagierte er mit einem schallenden Lachen. Es gelang mir auch, die langen Risse im Rumpf des Bootes zu übersehen.

In rasender Fahrt ging es vorbei an kleinen dicht bewaldeten Inselchen. Da und dort sieht man eine windschiefe Hütte darauf errichtet. Ein paar Pfähle hat man in den Boden gerammt. Ein Wellblechdach als Regenschutz und Schattenspender wurde wohl schon vor vielen Jahren angebracht. Diese »Bauten« störten sehr das idyllische Südseebild. Bald haben wir die kleinen Eilande hinter uns gelassen. Immer wieder musste dabei das Tempo stark gedrosselt werden. Dann zuckelten wir wieder einmal über eine seichte Untiefe.

Bunte Seesterne leuchteten vom scheinbar greifbar nahen Boden. Man konnte nicht abschätzen, wie tief das glasklare Wasser ist. Geschickt hob Guide Lihp Spegal immer wieder den Außenbordmotor hoch. »Sonst streift er mir am Boden an!« erklärte er lachend in gut verständlichem Englisch und fügte hinzu: »Jetzt stellen Sie sich einmal vor, wir hätten eine tonnenschwere Basaltsäule im Boot, um sie nach »Nan Madol« zu transportieren! Wir würden garantiert an einer dieser Untiefen hängen bleiben!« Mehrfach habe ich die strapaziöse Bootsfahrt auf mich genommen, um die monströsen Steinbauten zu erkunden. Den Sonnenschutzcremes mit höchstem Faktor zum Trotz stellte sich rasch ein schmerzhafter Sonnenbrand ein.

Mit Höchstgeschwindigkeit sauste unser Rennkahn seinem Ziel entgegen. Plötzlich tauchte ein Meeressäuger auf. In wenigen Metern Entfernung begleitete uns ein Delfin. Manchmal schien er urplötzlich das Interesse an uns zu verlieren und blieb – gelangweilt? - zurück. Dann aber nahm er spielerisch die Verfolgung auf, um uns zu überholen. Es sah so aus, als ob er sich über uns lustig gemacht hat. Weit voraus sprang er hoch aus dem Wasser, um uns zu demonstrieren, wie überlegen er uns ist.


Am 11.10.2009 erscheint Teil II meiner Serie: Das Atlantis der Südsee

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