Donnerstag, 24. September 2009

Kopflose Liebe


Jan war ein begnadeter Fußballspieler und Trainer der Jugendmannschaft. Sein perfekt proportionierter Körper, die durchtrainierten Muskeln, seine strahlend blauen Augen, die aus seinem stets leicht gebräunten Gesicht stachen, waren eine Augenweide und suggerierten Kraft und Ausdauer. So war es kein Wunder, dass die Zahl seiner weiblichen Fans fast ebenso hoch war, wie die der männlichen. Jan hatte bei aller Disziplin, die er für sein Fußballtraining mühelos aufbrachte, eine große Schwäche für schöne Frauen.

Es lag nahe, dass er neben der Anerkennung für seine sportliche Leistung, von seinen Teamkollegen deshalb auch eine gute Portion berechtigtes Misstrauen entgegengebracht bekam. Wenn auch nicht jede Frau sich ihm gänzlich hingab, so war kaum eine einem Flirt abgeneigt. Besonders bei den regelmäßigen Feiern nach den Fußballspielen verschwand Jan schon mal mit der einen oder anderen weiblichen Begleitung seiner Teamkollegen für ein Weilchen. Jan machte auch nicht Halt vor Julia, der Frau seines Nachbarn Arnold. Dem Mann war unlängst bei einem Unfall der rechte Arm abhandengekommen. Seit dieser Zeit war er ein mürrischer unleidlicher Kerl. Jan war der Ansicht, dass er mit dem Arm auch seinen Status als ganzer Mann verloren hatte und Julia dadurch auf keinen vollwertigen Partner mehr zugreifen konnte.

Julia hingegen hatte seinen Flirtversuchen bisher nicht nachgegeben. Dieser Umstand stachelte Jans Jagdtrieb an. Es gab ihm einen besonders starken Kick, wenn er eine Gelegenheit witterte, Julia ein wenig zu provozieren und ihr mehr oder weniger diskret den Hof zu machen. Im Laufe der Jahre war es eine fixe Idee von ihm geworden, diese hübsche Frau wenigstens ein einziges Mal in Besitz nehmen zu können. Arnold war das nicht entgangen, und schon einige Male hatte er Jan gedroht:
„Wage es ja nicht, meine Frau anzufassen, dann lernst du mich kennen ...“
Jan lachte über die offensichtliche Eifersucht, schlug ihm in so einem Augenblick kumpelhaft auf die armlose Schulter und sagte mit einem ironischen Unterton in der Stimme:
„Mensch, Arnold, mach dir keine Sorgen, es ist doch nur ein Spaß!“
Arnold mochte dieses kumpelhafte Verhalten nicht und schüttelte Jans Hand von seiner Schulter ab und ging ihm nach Möglichkeit aus dem Weg.

Die Grundstücke der beiden Männer waren durch eine zwei Meter hohe, immergrüne Eibenhecke voneinander getrennt. Arnold hatte sie vor Jahren angelegt, als es ihm auf die Nerven ging,dass Jan immer wieder sein Grundstück betrat, um mit fadenscheinigen Argumenten Kontakt zu Julia aufzunehmen. Und das immer zu Zeiten, während Arnold sich außer Haus befand.

Auf einer der sommerlichen Grillpartys, die die Bewohner der Straße abwechselnd reihum veranstalteten, hatte Julia einer Nachbarin freimütig erzählt, dass sie am liebsten völlig unbekleidet in der Sonne liege, um sich zu bräunen und zu entspannen. Jan hatte das Gespräch im Vorbeigehen aufgeschnappt und daraufhin auf seiner Grundstücksseite einige Zweige der Hecke entfernt, sodass er einen ungestörten Blick auf Arnolds Pool hatte. Tatsächlich ergab sich von da an für ihn öfter die Gelegenheit, Julia bei ihren Sonnenanbetungen zu beobachten. Bisweilen beschlich ihn das Gefühl, dass sie ihn bemerkt hatte, wenn sie sich plötzlich aufsetzte und ihr Blick suchend die Hecke entlang glitt. Jan wich in solchen Momenten einen Schritt nach hinten und Julia legte sich nach einer Weile beruhigt wieder auf ihrer Liege zurück.

Es war an einem heißen Sonntagnachmittag im Hochsommer. Durch die Hitze der vorherigen Tage war die Luft stickig und trocken. Wer immer es möglich machen konnte, war ansWasser gefahren. Auch Jan verließ gut gelaunt das Haus, um den Nachmittag am Strand zu verbringen. Er ging pfeifend seine Auffahrt hinunter zu seinem VW-Bus, den er am Abend vorher auf der anderen Straßenseite geparkt hatte.

Natürlich konnte er nicht an der Hecke entlang gehen, ohne nachzusehen, ob Julia es sich eventuell auf ihrer Liege am Pool bequem gemacht hatte. Er blieb an der Stelle stehen,wo er die Eiben gelichtet hatte, schob einige dünne Zweige zur Seite und beugte sich leicht in die Hecke hinein.

Tatsächlich kletterte Julia gerade splitternackt aus dem Schwimmbecken. Jan war begeistert. Ihr schöner Körper faszinierte ihn immer wieder. Jetzt glänzte ihre nasse braun gebrannte Haut in der Sonne und ihr langes schwarzes Haar lag wie eine Stola über ihren Schultern. Mit sanft wiegenden Hüftbewegungen, die ihre straffen Pobacken vibrieren ließen, ging Julia zur Liege, legte sich hin und reckte und streckte sich genüsslich. Hin und wieder stieß sie einen lustvollen Seufzer aus. Jan fragte sich wieder, ob Julia diese Show nicht doch nur für ihn abzog und genau wusste, dass er schmachtend hinter der Hecke stand. Möglicherweise genoss dieses kleine Biest es sogar, sich so vor ihm darzustellen. Das herrliche Wetter, der Anblick dieses perfekten Körpers und die lustvolle Art wie Julia sich bewegte, machten Jan richtig heiß. Er spürte, wie die Geilheit in ihm hochkroch, und dass er, verdammt noch mal, endlich diese Frau flach legen wollte. Er war drauf und dran, sein Versteck preiszugeben und Julia durch die Hecke hindurch zu einem Eiskaffee am Strand einzuladen.

Plötzlich traf ihn ein heftiger Schlag auf seinen linken Oberarm. Jan verlor das Gleichgewicht und stolperte in die Hecke. Sein Arm schmerzte höllisch. Als er verwirrt aufsah, stand breitbeinig und schnaufend Arnold vor ihm. Wutverzerrt sein Gesicht. In seiner linken Hand
hielt er einen Baseballschläger.
„Hab ich dich endlich auf frischer Tat erwischt, du Schwein“, brüllte er außer sich, „ich werd' dich anzeigen wegen Belästigung und sexueller Nötigung, du perverse Sau!“
Jans Arm schmerzte unerträglich. Wut stieg in ihm auf. Nur mit Mühe kam er wieder auf die Beine und hielt sich mit der rechten Hand den schmerzenden Oberarm. Fassungslos schrie er zurück:
„Spinnst du? - Du hättest mich auch am Kopf treffen können! Was soll die
Scheiße?“
„Der nächste Schlag wird auch genau dort landen!“ brüllte Arnold zurück und hob erstaunlich zügig mit seinem linken Arm den schweren Baseballschläger, erneut drohend in die Höhe.
„Lass den Quatsch – du bist doch krank!“, schrie Jan, duckte sich und wich erschrocken zwei Schritte zurück.
„Quatsch?“, wiederholte Arnold hysterisch. Er wurde zusehends wütender.
„Das nennst du Quatsch? Du mieses Arschloch stehst hier hinter der Hecke und geilst Dich an meiner Frau auf! Soll ich dabei vielleicht noch zusehen?“
„Was redest du denn da“, versuchte Jan ihn zu beruhigen, „ich bin auf dem Weg zu meinem Auto, dabei habe ich zufällig einen Blick in deinen Garten geworfen! Das kannst du mir nicht vorwerfen. Kein Mann würde wegsehen bei dem Anblick!“
„Du willst mich wohl verarschen“, brüllte Arnold und ließ wieder den Baseballschläger auf Jan niedersausen. Jan versuchte, sich wegzudrehen. Diesmal traf der Schläger seine rechte Schulter. Noch einmal strauchelte Jan und flog zurück in die Hecke.
„Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dass Du meiner Frau nachstellst,— ich bring dich um!“, brüllte Arnold. Er trat mit dem Fuß nach Jan, der stöhnend in der Hecke lag,drehte sich um und schickte sich an, Jans Grundstück zu verlassen.

Jetzt platzte Jan der Kragen. So hatte ihn noch niemand behandelt ...


Die Fortsetzung und weitere Storys finden Sie in
"Bestatten, mein Name ist Tod!"
Friedhofsgeschichten aus dem Leben gerissen.

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